Umkämpfte Normalität (Dirk Hauer 13.04.07) PDF Drucken E-Mail

Prekarisierung und die Neudefinition proletarischer Reproduktionsbedingungen (Veranstaltungstext 13.04. Dirk Hauer)

So vielfältig und schillernd, wie inzwischen Begriffe wie „Prekarisierung“, „Prekarität“ oder gar „Prekariat“ benutzt werden, scheint es sinnvoll, zunächst einmal genauer zu beschreiben, was denn darunter genauer zu verstehen sein soll. Laut Wörterbuch meint „prekär“ „unsicher“, „ungewiss“, „grenzwertig“, aber auch „widerruflich“, „unter Vorbehalt“. Prekarität im Sinne der momentanen Diskussionen lässt sich von daher am besten durch Unsicherheit der sozialen Existenz von Menschen durch Widerruflichkeit des Erwerbs definieren. Es ist diese Unsicherheit und Widerruflichkeit gesellschaftlicher Reproduktionsbedingungen, die im Folgenden in ihren sozialen wie politischen Dimensionen genauer diskutiert werden sollen.  

1. Ausgangs- wie Mittelpunkt der politischen Debatte um Prekarisierung waren und sind die Veränderungen am Arbeitsmarkt. Dabei ist die Diskussion um prekäre Beschäftigungsverhältnisse keineswegs neu. Angesichts zunehmender (Schein-)Selbstständigkeit, Leiharbeit, sozialversicherungsfreier Beschäftigung, Teilzeitarbeit oder befristeten Beschäftigungsverhältnissen kam die Debatte Ende der 1980er Jahre in linksgewerkschaftlichen Kreisen als Diskussion um das so genannte „Ende des Normalarbeitsverhältnisses“ auf und war vor allem von Gegenüberstellungen geprägt: normal – atypisch, reguliert – dereguliert, gesichert – ungesichert, tarifiert – tariflos, garantiert – entgarantiert, Rand- vs. Kernbelegschaften. Damals wie heute sind solche Gegenüberstellungen jedoch analytisch und politisch irreführend, und zwar aus mehreren Gründen.   Zum ersten sei an die marxistische Binsenweisheit erinnert, dass es in kapitalistischen Gesellschaften niemals so etwas wie Garantien für Arbeit und Existenzsicherung gegeben hat. Das Wesen der doppelt freien Lohnarbeit ist es, dass das Leben und Überleben von lohnabhängigen Haushalten daran gekoppelt ist, dass der Verkauf der Ware Arbeitskraft gelingt. In den Grundrissen definiert Marx Lohnabhängigkeit geradezu als Pauperismus, als prinzipielle Eigentums- und Garantielosigkeit in Bezug auf die materielle Existenzsicherung. Prekarität und proletarische Existenz bzw. „Proletarität“ hängen somit in kapitalistischen Klassengesellschaften untrennbar zusammen. Die Existenz- und Reproduktionsbedingungen von Menschen, Familien und Haushalten, die darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, die also in diesem Sinne lohnabhängig sind, waren und sind prinzipiell entgarantiert. Das ist das einzige, was unter den Bedingungen von Marktlogik und Kapitalverwertung sicher gewesen ist und bis heute sicher ist. In diesem Sinne beschreibt also zunächst einmal Prekarität das Normalverhältnis sozialer Reproduktion im Kapitalismus.  

Zum zweiten: Obwohl das so genannte fordistische Normalarbeitsverhältnis lange Zeit als Referenzmaßstab von Normalität gegolten hat und teilweise bis heute gilt, war es in historischer und globaler Perspektive stets eine Ausnahmeerscheinung. Es war auf die Länder des Nordens begrenzt und dort auch nur auf einen beschränkten historischen Zeitraum, etwa  von den 50er bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Und selbst in den „goldenen Zeiten“ des Fordismus war dieses Normalarbeitsverhältnis auch in den kapitalistischen Metropolen keineswegs allgemeingültig. Zum einen galt es für bestimmte Regionen – etwa Süditalien und andere Regionen Südeuropas oder auch weite Teile der USA - nicht oder kaum. Zum anderen waren Frauen weitgehend von Erwerbsarbeit ausgeschlossen. Dort, wo sie in die Lohnarbeit eingebunden waren, haben sie in aller Regel „nur dazu verdient“. D.h. Frauen haben schon immer vornehmlich in Leichtlohngruppen und in prekären Beschäftigungsverhältnissen gearbeitet. Gleiches galt und gilt für ArbeitsmigrantInnen, für Wander- und SaisonarbeiterInnen und für Flüchtlinge. Aus der Perspektive des Südens, aus der Perspektive von Frauen und MigrantInnen und in einer zeitlichen Perspektive, die nicht etwa auf die 1960er Jahre fixiert ist, war und ist der eine, unbefristete Job (für den männlichen Familienalleinernährer) mit tarifierten Arbeitsbedingungen, mit Existenz sichernden Löhnen und 38,5 Stunden in der Woche, in dem man sein Leben lang und womöglich auch in einem Betrieb arbeitet - der eigentliche Ausnahmefall. Auch unter diesen Perspektiven erscheint eher Prekarität als kapitalistischer Normalzustand.

Zum dritten war das „fordistische Normalarbeitsverhältnis“ selbst Ergebnis eines Klassenkompromisses, der sich im Zuge langer sozialer Kämpfe herausgebildet hatte und eben an diese Kämpfe und gesellschaftlichen Machtkonstellationen gebunden war. Insofern war die „Normalität“ dieser Arbeits- und Reproduktionsverhältnisse stets eine gesellschaftliche Machtfrage und deshalb alles andere als „garantiert“, sondern relativ und fragil – eben „widerruflich“, prekär. 

2. Das so genannte fordistische Normalarbeitsverhältnis war also weder allgemein gültig noch tatsächlich „garantiert“. Das, was wir heute Prekarisierung nennen, ist also keineswegs etwas so fundamental Neues. Wenn also heute neu über Prekarisierung diskutiert wird, so macht das nur Sinn, wenn es um die Reflexion jener ökonomischen, sozialen und politischen Umbauprozesse der letzten 10, 20 Jahre geht, mit denen die "Normen" proletarischer Arbeits- und Reproduktionsbedingungen umfassend neu festgelegt werden. Prekarisierung heute ist weit mehr als die Schaffung von Sonderverhältnissen am Arbeitsmarkt neben einem ansonsten mehr oder weniger unberührten Normalverhältnis. Prekarisierungs- und Flexibilisierungsprozesse entfalten ihre soziale Bedeutung also weniger als Charakteristika bestimmter Beschäftigtengruppen, sondern vor allem als verallgemeinerte Normen für alle proletarischen Lebens- und Arbeitsrealitäten. In all den ökonomischen, sozialen und politischen Umbauprozessen geht es um eine umfassende Neudefinition dessen, was heute Normalarbeits- und Lebensverhältnisse sein sollen. 

Prekarität meint in diesem Zusammenhang wesentlich mehr als Verarmung, Niedriglohnsektoren und Teilsegmente des Arbeitsmarktes. Prekarität ist vielmehr die prinzipielle und fundamentale Verunsicherung aller Lebens- und Arbeitsbereiche. Für immer mehr Menschen wird die Existenzsicherung unter Vorbehalt gestellt: Gibt es einen Folgeauftrag? Wird mein Vertrag verlängert? Wird das Weihnachtsgeld oder Urlaubsgeld gestrichen? Wird der Betrieb geschlossen oder verlagert? Werde ich übernommen? Lande ich bei Hartz IV? Reicht das Geld – für den Urlaub, für die Ausbildung der Kinder, fürs nackte Überleben? Was passiert, wenn ich krank oder alt bin? Wenn ich ein Pflegefall werde oder jemand aus der Verwandtschaft? Diese grundsätzliche Verunsicherung erfasst alle Bereiche der sozialen Reproduktion, und auch gut verdienende FreiberuflerInnen, ProjektleiterInnen etc. sind davon nicht verschont. Prekarisierung und der Kampf gegen sie ist deshalb keine Angelegenheit des einen oder anderen Sektors des Arbeitsmarktes oder des einen oder  anderen Klassensegments. Prekarisierung als Neudefinition „normaler“ proletarischer Reproduktion, ist ein Kampfverhältnis, das in jedem Fall den gesamten Zusammenhang der lohnabhängigen Klasse, das gesamte Klassenverhältnis betrifft.

Prekarisierung als prinzipielle Verunsicherung proletarischer Existenz ist das eigentliche Programm des Angriffs, den Staat und Kapital in den letzten 10, 20 Jahren gegen die ArbeiterInnenklasse gefahren haben und der mit der rot-grünen Regierungsübernahme 1998 noch einmal verschärft worden ist. Unterschiedlichste Experimente auf Betriebsebene zur Stabilisierung, Intensivierung und Flexibilisierung des Zugriffs auf und der Kontrolle über die lebendige Arbeit im unmittelbaren Produktionsprozess korrespondieren dabei mit einem systematischen Um- und Ausbau sozialstaatlicher Zugriffs- und Zwangsrechte in Richtung einer paternalistischen „Politik der Lebensführung“ (Anthony Giddens), die letztlich auf eine staatlich organisierte Zwangsflexibilisierung von Erwerbslosen und Entgarantierung sozialer Sicherungsleistungen abzielt. Wie ein roter Faden durchzieht die Strategie der Verunsicherung den Umbau der sozialen Sicherungssysteme, die Repression gegenüber Erwerbslosen, die Mobilisierung von Arbeit in Niedriglohnbereichen und die Attacken auf die tarifierten Arbeitsverhältnisse. In der Konsequenz „ (erfüllt sich) der Sinn der sozialpolitischen Misere … vor allem darin, dass sich die Menschen fortlaufend nur noch mit ihrer ökonomischen Lage beschäftigen sollen.“(Martin Dieckmann)  

Das heißt nicht, dass auf Regulierungsformen und -instanzen wie Tarife, Sozialstaatlichkeit und Gewerkschaften verzichtet würde, ganz im Gegenteil. Aber die Regulierung der Agenda 2010 verzichtet definitiv auf soziale Existenzgarantien. Es geht darum, soziale Sicherheitsbedürfnisse nachhaltig als "Vollkaskomentalität" zu diskreditieren und durch permanente und lebenslange Flexibilisierungsanforderungen zu ersetzen. In diesem Sinne vollzieht sich vom Antritt der rot-grünen Koalition bis heute die Kohl’sche Wende mit zwanzigjähriger Verspätung. 

Wenn irgendetwas das umfassende politische Herrschaftsprojekt der Prekarität augenfällig symbolisiert hat, dann war es die Gleichzeitigkeit des sozialen Angriffs im Jahr 2004: Hartz IV mit staatlicher Zwangsflexibilisierung und Zwangsprekarisierung auf der einen Seite und die nahezu geschlossenen Attacken des Kapitals auf die (groß-)industriellen Beschäftigungsverhältnisse auf der anderen. Die Tarifverträge und Standortsicherungsvereinbarungen bei Siemens, DaimlerChrysler, Opel, Karstadt/Quelle, VW usw. folgen alle einem Muster: länger und härter arbeiten, weniger Geld und - vor allem – die hochoffizielle Aufkündigung einer Beschäftigungs"garantie". Der so genannte "Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen" bis zum Jahre X sagt ja vor allem eines, nämlich dass alle Arbeitsplätze in den nächsten Jahren neu zur Disposition stehen. Wenn man so will, handelt es sich um eine grundsätzliche Befristung von Arbeitsverhältnissen. 

Faktisch und genauer wird es dabei nicht darum gehen, tatsächlich alle paar Jahre ganze Belegschaften oder Belegschaftsteile auszuwechseln. Es geht vielmehr darum, dass mit der zyklischen Drohkulisse betriebsbedingter Kündigungen jedes Mal neu über Arbeits- und Entlohnungsbedingungen verhandelt werden kann. Diese Bedingungen werden befristet und jedes Mal neu in Frage gestellt. In einem solchen Szenario ist es überhaupt nicht ausgeschlossen, dass einem Projekt und einem Auftrag durchaus das/der nächste folgt, dass also sowohl abhängig Beschäftigte als auch selbstständige AuftragnehmerInnen durchaus lange in bzw. für ein Unternehmen arbeiten - allerdings zu jeweils immer neuen, schlechteren Bedingungen. 

3. Das Jahr 2004 hat schlagend demonstriert, dass die prekäre (Tarif-)Wirklichkeit kleinerer und mittlerer Betriebe flächendeckend und Branchen übergreifend die Norm auch in den industriellen Kernbereichen geworden ist. Prekarität ist selbst im Bereich der betrieblichen Produktion und der unmittelbaren Arbeitsprozesse keineswegs auf Nischen oder Randbereiche beschränkt. Sie ist inzwischen längst in der Mitte des Arbeitsmarktes angekommen, und zwar nicht nur im Sinne einer Ausweitung "atypischer Beschäftigungsverhältnisse". In vielen Fällen sind es Umbau-, Auslagerungs- und Flexibilisierungsentscheidungen der Unternehmen in Verbindung mit einer generellen Absicherung wie Durchsetzung durch gewerkschaftliche Tarifierung, die dazu führen, dass Prekarisierungsentwicklungen sogar aus der Mitte der Arbeitsmärkte, aus den Kernbereichen selbst, hervorgehen. Der alte Blickwinkel von den fein säuberlich trennbaren Kern- und Randbelegschaften wird genauso obsolet wie die Vorstellung es gebe einen klar abgrenzbaren Niedriglohnsektor. Ein paar Schlaglichter auf die real existierende – und wohlgemerkt: tariflich regulierte -  Arbeit 2006/2007 belegen das:    die Patchworkrealität unterschiedlichster Tarife, Sondertarife und Tariföffnungsklauseln für unterschiedliche Beschäftigtengruppen innerhalb einer Branche oder gar innerhalb eines Betriebs; in der Tarifrunde 1994 der Chemieindustrie wurden erstmals abgesenkte Einstiegstarife für neu Beschäftigte eingeführt. Inzwischen sind solche Sondertarife quer durch alle Branchen allgemein üblich. Immer öfter und weitergehend werden quer durch alle Branchen Betriebsteile und Arbeitsprozesse durch offene oder verdeckte Auslagerung aus den Kern- und Flächentarifen herausgebrochen und gesondert tarifiert, etwa die so genannten Dienstleistungen bei DaimlerChrysler oder Teile der Hafenarbeit. Die Kollegen der GoG bei Opel Bochum erzählen, dass sich inzwischen über 50 Firmen auf dem Werkgelände tummeln: Zulieferer, Leiharbeitsfirmen, ausgegründete Betriebsteile von Opel selbst. In einer Halle arbeiten somit unzählige Beschäftigte zu völlig unterschiedlichen Konditionen nebeneinander, manchmal machen sie sogar dieselbe Arbeit  - allerdings unter komplett unterschiedlichen Tarif- und Entlohnungsbedingungen.  kontinuierliche und durchaus tariflich regulierte Lohnsenkung bis weit in offizielle Niedriglohnbereiche hinein; selbst dort, wo Arbeitsbedingungen tariflich reguliert sind, sind sie alles andere als sicher oder Existenz sichernd. Mit Stand vom 31.12.2003 haben von 2.800 Tarifverträgen in Deutschland 130 Stundenentgelte von sechs Euro und weniger beinhaltet – eine Tendenz, die eher zu- als abgenommen haben dürfte. Und das neue Tarifwerk im Öffentlichen Dienst führt explizit einen Niedriglohnsektor ein, die früher mal weg gekämpften Leichtlohngruppen feiern fröhliche Wiederkehr.   massenhafte, reguläre Vollzeitbeschäftigung zu Niedriglöhnen quer durch alle Branchen und Berufsgruppen; über ein Drittel aller Vollzeitbeschäftigten arbeiten in Deutschland zu Niedriglöhnen, wie gesagt häufig genug tarifiert. Die tendenzielle Ausweitung des (tarifierten) Niedriglohnsektors ist bereits seit Beginn er 1980er Jahre statistisch dokumentiert. Ein solcher Sektor ist also weder neu noch muss er erst neu geschaffen werden. 

4. Prekarität als prinzipielle Unsicherheit sozialer Reproduktion bedeutet gleichzeitig einen gewaltigen Schub der (Zwangs-)Flexibilisierung von Arbeitskraft und damit einen zusätzlichen und verschärften Zwang zur Arbeit. Ganz im Gegensatz zu den immer noch beliebten Phrasen vom "Ende der Arbeitsgesellschaft" ist Prekarität und Prekarisierung ein anderer Begriff dafür, dass in ungeheurem Umfang Arbeit neu mobilisiert wird. Prekarität beschreibt damit aber auch, dass die proletarische Existenz in allen ihren Segmenten  eingekreist und angegriffen wird. Das hat auch erhebliche Konsequenzen für das, was man "Prekarisierung von unten" nennen kann: die Flucht vor den Zwängen und der Repression des Betriebs- oder Büroalltags oder vor den Verfolgungen durch Arbeits- und Sozialämter in eine selbst gewählte Prekarität von Selbstständigkeit, Jobberei, Schwarzarbeit und Ausnutzen sozialstaatlicher Nischen. In diesem Zusammenhang muss noch einmal daran erinnert werden, dass der so genannte fordistische Klassenkompromiss und das mit ihm verbundene „Normalarbeitsverhältnis“ nicht nur von oben aufgekündigt worden ist. Die Formen von offener Rebellion und verdeckter Renitenz in Fabriken und Büros Ende der 1960er Jahre waren genauso Ausdruck einer praktischen Kritik der fordistischen Arbeit und ihrer Zwänge wie die subkulturellen Formen der Jugendrevolte und der Alternativbewegung oder die Kritik an Familie und Geschlechterrollen, wie sie etwa von der neuen Frauenbewegung formuliert worden war. Fließband, Arbeitshetze, lebenslange Festlegung auf eine Arbeit oder einen Betrieb, männlicher Alleinverdiener, traditionelle heterosexuelle Kleinfamilie – all diese Elemente des „fordistischen Normalarbeitsverhältnisses“ wurden als Bezugsrahmen für die eigenen Lebensentwürfe von breiten und nicht nur jugendlichen Teilen ArbeiterInnenklasse verweigert.  Doch die „kleinen Fluchten“ und Nischen aus dem engen Korsett der fordistischen Lohnarbeit waren auch in den 1970er und 1980er Jahren in erheblichen Maße an die Reste fordistischer Arbeitsmarktregulierung und sozialstaatlicher Reproduktion gebunden, in diesem Sinne also stets selbst prekär. Vor diesem Hintergrund ist der Autonomiegewinn, der in den vielfältigen Formen der Verweigerung gelegen hatte, stets relativ gewesen. Heute, wo „Eigenverantwortlichkeit“, „Arbeitskraftunternehmer“, „Selbstständigkeit“ usw. zu den Versatzstücken und Leitbildern flexibilisierter Kapitalverwertung gehören, ist die „Prekarität von unten“ - von der Alternativ-Klitsche und dem akademische Forschungs-/Publikationsprojekt über die Ich-AG bis zum jobbenden Taxi-Fahrer – fest an die (Selbst-)Verwertungslogik gekoppelt. Sie kann sich deren Zwängen nicht entziehen. Und sie kann vor allem nicht darüber hinwegtäuschen, dass die selbst gewählte prekäre Existenz nur für wenige eine lebbare Perspektive bedeutet.  Vor allem aber wäre es kurzschlüssig, aus einer tendenziellen Angleichung materieller Reproduktionsbedingungen auf eine Vereinheitlichung der subjektiven Verarbeitungsformen von Verunsicherung und prekären Lebenssituationen zu schließen. Der vereinheitlichenden Verunsicherung und Entgarantierung von Lebens- und Arbeitsbedingungen stehen nämlich jede Menge reale Zerklüftungen, Spaltungen und soziale Hierarchien in den Lebenswirklichkeiten gegenüber. Das gilt zum einen auf der objektiven Ebene. Die Rahmenbedingungen und die Chancen, mit diesen Realitäten umzugehen, sind für einen freien Grafikdesigner, eine akademische Projektorganisatorin, eine Lidl-Verkäuferin, einen 53-jährigen Handwerker oder Industriefacharbeiter, eine illegalisierte Reinigungsfrau oder einen erwerbslosen proletarischen Jugendlichen in der Pflichtarbeit einfach nicht dieselben.

Und auf der subjektive Ebene werden die Erfahrungen verunsicherter und entgarantierter Existenz sehr unterschiedlich erlebt und sehr unterschiedlich ver- und bearbeitet. Daraus leiten sich u.U. auch sehr unterschiedliche Bedürfnisse und Interessen ab. Ein "Flexicurity"-Interesse einer/eines jungen, gut ausgebildeten Intellektuellen ohne Familie, aber mit hohem sozialem und kulturellem Kapital kann von relativ "altmodischen" Re-Regulierungsinteressen (fester Dauerjob, Tarifbindung, Betriebsrat etc.) einer Verkäuferin im Einzelhandel oder eines Pflichtarbeiters abweichen. Ein Leben am seidenen Faden führt noch lange nicht zu gemeinsamen Forderungen oder Kämpfen. 

5.  Wenn man sich also den strategischen und politischen Konsequenzen der Prekarisierung für eine emanzipatorische Politik nähert, so kann es nicht darum gehen, ein irgendwie geartetes neues revolutionäres Subjekt, eine neue Avantgarde zu definieren. Es kann auch nicht darum gehen, ein „besonders betroffenes“ Klassensegment zu identifizieren. Prekarisierung als umkämpftes Terrain betrifft alle Facetten der lohnabhängigen Existenz und der sozialen Reproduktion. Die Montagsdemos und andere Protestaktionen gegen Hartz IV sind genauso als Abwehrkämpfe gegen Prekarisierung als Strategie der Verunsicherung zu interpretieren wie die die Streiks bei DaimlerChrysler und Opel 2004, bei AEG 2005 oder auch bei Gate Gourmet und Siemens-Bosch 2006. Dabei wäre es durchaus fahrlässig, bei aller Suche nach den Klassenkämpfen der Zukunft die realen Auseinandersetzung der Gegenwart – auch und gerade in den industriellen Kernsektoren – zu ignorieren. Gerade die Montagsdemos und die Streikaktionen und Straßenblockaden der AutomobilarbeiterInnen im Jahre 2004 zeigen, dass diese Kämpfe keineswegs partikulare Abwehrkämpfe sind. Sie sind vielmehr vor allem Kämpfe gegen die Zumutungen von Prekarisierung und Fleibilisierung und Kämpfe für soziale Sicherheit trotz fehlender Verwertbarkeit. Es waren und sind Kämpfe, die dem Verwertungszugriff Grenzen setzen wollen.   Es spricht einiges dafür, dass sich die Jahre 2004 bis 2006 im historischen Rückblick als Höhepunkte von ArbeiterInnenkämpfen in der Bundesrepublik erweisen werden. Das Problem ist, dass diese Kämpfe isoliert und ohne gegenseitige Bezugnahme ablaufen. Eine in irgendeiner Form vereinheitlichte soziale Bewegung bzw. eine neue Klassenbewegung ist bisher nicht aus ihnen hervorgegangen. In diesem Umstand drückt sich nicht zuletzt auch aus, dass die dichotomen Gegenüberstellungen der „ersten Prekarisierungsdebatte“ bis heute die Perspektive vieler AktivistInnen prägen. Entgegen aller theoretischen Proklamation wird Prekarisierung faktisch, in der praktischen Politik, in aller Regel in Abgrenzung definiert, in Abgrenzung nämlich vom klassischen Normalarbeitsverhältnis: Kerne – Ränder, garantiert – entgarantiert, typisch – atypisch. In weiten Teilen der Betriebs- und Gewerkschaftslinken herrscht immer noch eine (Groß-)Betriebsperspektive vor, in der die KollegInnen aus Zeitarbeitsfirmen, Zuliefererklitschen oder ausgegründeten Betriebsteilen kaum noch vorkommen – zumindest nicht im Sinne einer aktiven Bezugnahme im Kampf gegen unternehmerische Herrschaftsstrategien. Umgekehrt bezieht sich der linke bzw. linksradikale Prekarisierungsdiskurs faktisch nur auf bestimmte Bereiche der proletarischen Wirklichkeit, vor allem auf (illegalisierte) MigrantInnen und den ganzen Kosmos des prekären, in aller Regel akademischen Projekte- und Selbstständigenproletariats. Prekarisierung wird so unter der Hand wieder zu einer Definition von Teilarbeitsmärkten und Teilen der Klasse, teilweise mit deutlichen Tendenzen einer identitären Selbststilisierung. 

Die Diskussion um Prekarität ist eine Diskussion darüber, wie und nach welchen „Normalitäts“vorstellungen gelebt und gearbeitet werden soll, was soziale Sicherheit ist, wie sie organisiert werden soll und für wen sie gilt. Diese Fragen werden zur Zeit vor allem von oben beantwortet. Eine Vereinheitlichung der Kämpfe gegen Prekarisierung in Richtung einer tatsächlichen sozialen Bewegung - oder um mit dem alten operaistischen Vokabular zu sprechen - eine neue politische Klassenzusammensetzung ist im Deutschland des Jahres 2006/2007 allerhöchstens in Ansätzen erkennbar. 

 

 

 

Zuletzt aktualisiert am Montag, 18. Januar 2010 um 19:34 Uhr