Veranstaltung am 2.Juni: Nichtstun zwischen Renitenz und Depression PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Christina Kaindl   
Montag, 31. Mai 2010 um 00:00 Uhr
Diskussionstext von Christina Kaindl zur Veranstaltung am 02.Juni um 20 Uhr im Kulturladen Rhizom

Nichtstun zwischen Renitenz und Depression

Christina Kaindl
If God passed the mic to me to speak, I’d say stay in bed world.
The Cardigans

Nichts zu tun kann ein Akt des Widerstands sein: eine Verweigerung gegen die Anforderungen der Aktivierung, gegen die dauernde Aufforderung, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und zum Unternehmen zu gestalten, den Rückzug des Sozialstaates aus der Lebenssicherung zu kompensieren. Das Nichtstun kann dann ein Aspekt von Befreiung oder zumindest der Rückgewinnung von Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit sein. Anders verhält es sich, wenn das Nichtstun als „Vorgang dritter Person“ (Holzkamp 1983, 335) erfahren wird. Dann wird es nicht als Widerstand gelebt, weil man sich selbst nicht als Ursprung des Nicht-Handelns erlebt, sondern als Hemmung erlitten: als Unfähigkeit zu handeln, als Stillstand, der in einem schmerzlichen Missverhältnis zu den Aktivierungsanforderung steht. Nichtstun ist dann keine selbst gewählte Strategie der Leistungsverweigerung oder des Lebensgenusses, sondern wird zum Gefühl von gleichzeitigem Getriebensein und Handlungsunfähigkeit. Die „Antriebshemmung“ – bis zur Denkhemmung – ist eines der wichtigsten Symptome von Depression.  Immer wieder wird davon gesprochen, dass die Verbreitung von Depressionen in den letzten Jahren und Jahrzehnten vor allem in den „hoch entwickelten Industriegesellschaften“ stark zugenommen habe .

Alain Ehrenberg (2004) spricht in seinem Buch von der „Krankheit unserer Zeit“. In seiner Rekonstruktion der Geschichte der Depression diskutiert er gewissermaßen zwei Sachen gleichzeitig: einerseits, wie gesellschaftliche Veränderungen zu einer Ausweitung der Depression als Erkrankung führten und dass im Laufe der letzten Jahrzehnte sich das (wissenschaftliche) Verständnis von Depression selbst veränderte: „Die Depression ist nicht die Krankheit des Unglücks sondern die Krankheit des Wechsels, die Krankheit der Persönlichkeit, die versucht, nur sie selbst zu sein: Die innere Unsicherheit ist der Preis für diese ‚Befreiung’.“ (13) Ab den 1980er-Jahren tritt die Depression mit einer Symptomatik auf, bei der nicht so sehr das psychische Leiden als vielmehr die Hemmung, Verlangsamung dominieren. „Die alte traurige Verstimmtheit wird zu einer Handlungsstörung und das in einem Kontext, in dem die persönliche Initiative zum Maß der Person wird.“ (Ebd.)

Als Erklärung für diesen Wandel knüpft Ehrenberg an psychoanalytische Konzepte an: die Internalisierung von gesellschaftliche Normen verläuft hier biografisch zuerst über den Ödipuskomplex: der Konflikt, in dem das Kind lernt, die Verbote und Restriktionen dem eigenen Begehren gegenüber „nach innen zu nehmen“: indem sie eigene Ansprüche, Normen des eigenen Gewissens werden, die gegebenenfalls aufkommendeBegierden schnell ins Unbewusste verbannen, können Konflikte mit Angst machenden gesellschaftlichen Instanzen vermieden werden. Der Ursprung in gesellschaftlichen Machtverhältnissen muss allerdings selber unbewusst gemacht werden. Da in Freuds Vorstellung die Menschen von Natur aus „ungesellschaftlich“ sind, die Triebe der Einzelnen nur auf ihre private Befriedigung und nicht auf gesellschaftliche Zwecke bezogen sind, ist in seiner Vorstellung die Unterdrückung der Triebe und ihre Umleitung (Sublimierung) in gesellschaftlich nützliche Pfade wie Arbeit und Kulturproduktion grundsätzlich notwendig. Wird die Schraube allerdings zu eng gezogen – wie in verklemmten Zeiten der Mittelschichten Anfang des 20. Jahrhunderts – oder die Subjekte aus anderen Gründen nicht in der Lage, die Konflikte auf Glück und gesellschaftliche Produktivität hin zu lösen, entstehen Zwänge und Neurosen. Sie galten lange als die wichtigsten psychischen Erkrankungen. Im Rahmen gesellschaftlicher Veränderungen treten die Verbote und Tabus in den Hintergrund zugunsten der allgegenwärtigen Anforderung, „man selbst zu werden“, Emotionen, Konflikte, Biografie als Ressourcen zu sehen, die zu Kapitalisierungszwecken auf den Markt geworfen werden können.

Man kann diesen Wandel mit dem Ende des Fordismus in Zusammenhang bringen – dieser gerade untergegangenen Formation des Kapitalismus, die vor allem auf Massenproduktion und in den weltwirtschaftlichen Zentren auch auf Massenkonsum gesetzt hat, die gesellschaftliche Absicherung und berechenbare Karriereverläufe gegen Sexualunterdrückung und Kleinfamilienexistenz gehandelt hat und das Problem von Exklusion und Inklusion über Rassismus und Nationalismus zu lösen versucht hat. Die Herstellung von Lebensweisen, die den Anforderungen der fordistischen Produktionsweise entsprechen, hat Gramsci - italienischer Philosoph und Kommunist, der von den Faschisten eingekerkert wurde - anhand der („puritanischen“) Kampagnen von Staat, Kirche und Zivilgesellschaft gegen ausschweifende sexuelle oder alkoholische Lebensformen untersucht. Sie ergänzten die hohen Löhne, die zunächst dafür sorgen sollten, dass die Menschen sich überhaupt in die neuen Arbeitsformen einfinden wollten/sollten und dass sie für die körperliche und geistige Reproduktion sorgen konnten – dafür war aber notwendig, dass sie ihr Geld nicht für Schnaps und Prostituierte ausgaben. „Der neue Industrialismus will die Monogamie, will, daß der arbeitende Mensch seine Nervenkräfte nicht bei der krampfhaften und ungeordneten Suche nach sexueller Befriedigung verschwendet: der Arbeiter, der nach einer ausschweifenden Nacht zur Arbeit geht, ist kein guter Arbeiter, der Überschwang der Leidenschaft verträgt sich nicht mit der zeitgemessenen Bewegung der Maschinen und der menschlichen Produktionsgesten.“ (Gramsci 1991ff, Gef. Bd. 9, H. 22 §11, 1088f)

Die Unterdrückung von ‚Trieben’, Wünschen und Begehren ist/war in den Produktionsformen des Fordismus Voraussetzung für das Funktionieren und Aufrechterhalten der Produktionsweise. Das geht nicht (nur) über Zwang, sondern die Menschen müssen ihr Leben in diesen Begriffen, Konzepten und Vorstellungen entwerfen (wollen), müssen sie als Teil der eigenen Lebensführung begreifen. Die benannten Kampagnen der Kirchen, Massenmedien, staatliche Maßnahmen zur „Erziehung der Arbeitskräfte“ im Rahmen der wohlfahrtsstaatlichen Maßnahmen sind Teil der Vermittlung und Übersetzung dieser Anforderungen in die Lebenszusammenhänge der Einzelnen.

 

In der nach-fordistischen kapitalistischen Produktionsweise treten die von Ehrenberg skizzierten Anforderungen der Selbst-Kapitalisierung, der Mobilisierung von Begehren zugunsten des Marktes in den Vordergrund. Die damit verbundene Produktionsweise bezeichnet etwa Wolfgang Fritz Haug als transnationalen High-Tech-Kapitalismus (2001), um auf die neue Leitproduktivkraft des Computers, die neuen globalen Konkurrenz- und Produktionsverhältnisse hinzuweisen. Nicht mehr der Massenkonsum in den Zentren steht im Vordergrund, die Ausgleichsmöglichkeiten von Gewerkschaften und Sozialstaat werden zurückgedrängt. Die Aushöhlung des Sozialstaates und die neuen Verwertungsstrategien werden umgesetzt mit einer Rhetorik der Aktivierung von individuellen, emotionalen und kreativen wie materiellen Ressourcen. Nicht so sehr die Einpassung der Einzelnen in gesellschaftlich vorgestanzte Subjektivitätsformen, die Sexualität und Lust abschneiden, steht im Vordergrund, sondern der Aufruf, „man selbst zu werden“, indem man sich selbst auf den Markt – der Waren und Arbeitskraft - wirft. Die neuen Anforderungen zeigen sich in Managementratgebern und Unternehmenskulturen, in Arbeitsplatzbeschreibungen und der Umstrukturierung von Arbeitsplätzen:

Zielvereinbarungen, flache Hierarchien, Vertrauensarbeit, Job-Familien, atmende Fabrik und all die Zauberworte, die die Flexibilisierung der Arbeitenden in Lohn und Arbeitszeit, Stress und Qualifizierung anpeilen. Teil der zivilgesellschaftlichen Kämpfe um Lebensweisen sind auch die Medien, die Kulturindustrie, Gramsci spricht auch von den Stars in Hollywood. Fragt man nach medialen Vermittlungen der neuen Lebensweise, lohnt sich ein Blick auf die neuen Stars.

 

„Man muss lange üben, bis man für Geld was fühlt“ (Funny van Dannen)

 

So stellen etwa Casting-Shows wie Popstars eine scheinbare Verallgemeinerung des Starwesens dar: Popstar kann jeder werden, der bereit ist, mit harter Arbeit seinen Traum zu erfüllen: In öffentlichen Castings in mehreren deutschen Städten bewerben sich tausende von Kandidaten. Sie haben wenige Minuten Zeit, sich als Person zu präsentieren, Gesangs- und Tanzkenntnisse vorzustellen; Ausschnitte werden bereits übertragen. Für die Ausgewählten finden mehrere aufeinander aufbauende Workshops statt, an denen sie mit verschiedenen Aufgaben (Vorgaben für zu interpretierende Songs, Schrittfolgen für Choreographien, Soloauftritte, Gruppenauftritte) konfrontiert und die Teilnehmer für die jeweils nächste Runde ausgewählt werden. Dabei stehen den Kandidaten ab der zweiten Runde Coaches  zur Verfügung, die ihnen Hilfen und Unterricht in Gesang, Tanz, Präsentation zukommen lassen. Die Bewältigung der Anforderungen ist damit an die Frage gebunden‚ was kannst du aus dem machen, was wir dir anbieten’. Gefragt ist, was Hartz als „steile Lernkurven“ bezeichnet hat (Hartz 2001, 52).

Zu einem Star der Popstars hat sich der Choreograf und Tanz-Coach (z.T. auch Jury-Mitglied) Detlef D! - sprich [di:] - Soost entwickelt. Seine harten Umgangsformen mit den Kandidaten haben ihm den Beinamen „Drillinstructor“ eingebracht, der „nur so hart zu euch ist, weil er auch so hart zu sich ist“. In seiner Person bündeln sich die Versprechungen eines Klassen und Schichtungen überspringenden Erfolgs: als Schwarzer, ohne Vater mit psychisch kranker Mutter im Heim in der DDR aufgewachsen, hat er sich in den 90er-Jahren vor allem mit Betrügereien durchgeschlagen (was er in seiner Biografie Heimkind - Neger - Pionier freimütig berichtet), aber immer auch an seinem Traum gearbeitet, was ihm schließlich den Erfolg beschieden hat: „Pionier, d.h. Wegbereiter zu sein, den Menschen zu zeigen, dass es mit eisernem Willen und mit harter Arbeit gelingen kann, seine Träume zu leben, wenn man akzeptiert, wer man ist.

Ich habe diesen Schritt getan. Ich bin Heimkind, Neger, Pionier. Ich bin Detlef D! Soost.“ (Soost/Ascher 2005, 13)

Die Erfolgsrezepte der Popstars ähneln auf so eklatante Weise den Botschaften der Selbstmanagement-Ratgeber, als seien sie deren Übersetzung für Bevölkerungsschichten, die Managementliteratur nicht auf ihrer Sommerurlaubs-Leseliste führen.

Im Zentrum der Anrufungen der Sendung steht die Forderung, sich zur

Leistung zu entscheiden. Entsprechend hat, wer die Anforderungen nicht

erfüllt, sich nicht dafür entschieden. Hier findet die Logik der

„Aktivierung“, Grundpfeiler der Hartz-Gesetze, ihren Widerhall, die

„implizit den Vorwurf der Passivität gegenüber den Leistungsempfängern

enthält“ (Urban 2004, 471).

Als Technik, um diese Bereitstellung von Emotionen zu bewerkstelligen, dient etwa das Neurolinguistische Programmieren (NLP), in dem quasi eine Selbstkonditionierung von Gefühlen trainiert wird. NLP hat verschiedene Konzepte in sich aufgenommen, unter anderem die Theatertechniken von Stanislawski und Strasberg – auch hier geht es darum, die eigenen Gefühle in diesem Falle für die Bühne quasi als „Kapital“ für die Modellierung von Theaterszenen nutzbar zu machen. Entsprechend lernt man nicht, so zu tun, wie die Person, die man in einer Szene darstellt, versetzt sich in diesem

Sinne nicht in andere Personen hinein, sondern ergründet, um welche Emotionen es in der Szene geht, erforscht, wann man selbst solche Gefühle hatte - und trainiert, die damit verbundenen Ausdrucksformen durch Aktualisierung der Situation und ihrer Gefühle darzustellen. Dieser Grundgedanke durchzieht auch die Unmengen von Management- und Selbstmanagement-Literatur, die den Markt überschwemmt. Emotionalität ist hier unverzichtbarer Bestandteil der Konturierung des „Produkts“: man muss Gefühle ‚haben’, vor allem ‚zeigen’, aber auch zu nutzen wissen, also mobilisieren und instrumentalisieren: „Wir springen auf eine dritte Achse im Raum der Möglichkeiten: Emotionalität. Was fühlen wir? Hinter dem Begriff Qualität steckt die Suche nach den Grenzen der Empfindung. Emotion wird zu Kapital.“ (Hartz 2001, 57)

Als kulturindustrielles Beispiel hierfür kann die Figur des Brian Kinney in der US-amerikanischen Serie Queer as Folk dienen: ein über die Maßen erfolgreicher Werbefachmann geht einem ausschweifenden homosexuellen, „queeren“ Sexualleben nach, das sich offensiv abgrenzt gegen eheähnliche Beziehungsmodelle. Kreativität und Sexualität sind miteinander verwoben, letztere Quelle von erster. Seinem jungen Liebhaber empfiehlt er, die Wut über einen beinahe tödlichen Übergriff für seine Arbeit als Künstler zu nutzen – „take that anger and put it into your work“ - und „to be the best homosexual you can possibly be“. Zum Ausgleich (to get even) soll er „the biggest success“ werden, „because nothing pisses off a straight person more than a fag that has more money, more sex and more success“.

Diskriminierung und Gewalterfahrungen werden Teil der subjektiven Ressourcen, die es für die Arbeit und den Markt zu mobilisieren gilt. Der Umstand, dass die Serie weit über die Grenzen der homosexuellen Subkulturen Erfolge gefeiert hat, hängt m.E. mit dem Versprechen des lust- und arbeitserfüllten Lebens zusammen, das sich jenseits fordistischer Lebensentwürfe  bewegt: „We don’t think in a box, therefore we don’t live in a box and we don’t work in a box.“

Houellebecq hat diese Parallelisierung von Erfolg auf dem Sex- und Arbeitsmarkt bereits kritisiert, allerdings m.E. eher vom Standpunkt wertkonservativer Kritik, die nicht die gleichzeitige Befreiung und Unterwerfung unter den Markt sieht, sondern die Unterwerfung der freigesetzten Sexualität unter den Markt mit einer Rückführung der Sexualität in alte Bahnen beantwortet. Die relative Fortschrittlichkeit zeigt sich in der Serie nicht zuletzt in der offenen Opposition gegen neokonservative und evangelikale Zumutungen der Re-normierung der privaten Lebensverhältnisse.

 

Es zeigt sich ein neues Emotionalitäts- und Motivationsdispositiv:

Für den Fordismus gilt weitgehend, dass Gefühle im Rahmen restriktiver Handlungsfähigkeit, also Handlungsfähigkeit, die sich als Denken (und Handeln) unter gesellschaftlichen Formen realisiert, ohne diese zu überschreiten, durch Polarisierung ruhig gestellt werden: einerseits in der „scheinhaften ‚Verinnerlichung’ der Emotionalität als von den realen Lebensbedingungen isolierter, bloß ‚subjektiver’ Zustand des je einzelnen Individuums“, andererseits als „’Entemotionalisierung’, d.h. Zurückgenommenheit und Unengagiertheit des Handelns“ (Holzkamp 1983, 404).

Indem die Gefühle von der Situation und vom Handeln darin losgelöst und dissoziiert erscheinen, werden sie zu besonderer „Tiefe“ mystifiziert. Das kann als Herrschaftstechnik gefasst werden: wenn ich meine Emotionen mit meiner Lebens- und Arbeitssituation in Verbindung bringen würde, würden sich daraus vielleicht Handlungsimpulse zu deren Veränderung ergeben. Wenn mir Emotionen irrational und als etwas, was „in mir existiert“, ontologisiert werden, kann ich die Verbindung zu aktuellen Wertungen und Veränderungsnotwendigkeiten kappen.

Um den fordistischen Anforderungen einer repressiven Sexualmoral, relativ stupider Arbeit, paternalistischer staatlicher Anforderungen nachzukommen, ist es funktional, die damit verbundenen Gefühle nicht als Bewertung dieser Situation und als Signal für Handlungsnotwendigkeit zu sehen. Diese Dissoziation ist uns in vielen – auch alltäglichen – Sprechweisen geläufig, ein Beispiel ist die Gegenüberstellung von „Kopf“ und „Bauch“.

 

Im neoliberalen Mobilisierungsdiskurs wird alles das an die Oberfläche geholt: die Gefühle sind wieder „profanisiert“, weltlich und jederzeit einsetzbar. Sie werden (auch hier) nicht als Bewertung der Situation gedacht, sondern müssen unabhängig davon zum Handeln unter fremd gesetzten Zielen befähigen, sind Teil von Selbstinstrumentalisierungen, die die geforderten Haltungen - aktiv, kreativ, demütig - bereitstellen können. Entsprechend verschieben sich auch die Erscheinungsweisen restriktiver Motivation (Holzkamp 1983, 411ff): es geht weniger darum, feststehende Ziele und Verhaltensweisen zu oktroyieren, als vielmehr die Subjekte zu mobilisieren, sich die von anderen definierten Probleme selbständig zu eigen zu machen bzw. selbst aus den sachlichen Gegebenheiten abzuleiten, ihre Kreativität und Individualität in diese Prozesse einzubringen und eigenständig Verwertungsmöglichkeiten zu eröffnen.

 

Die „Rückseite“ der Selbstverwirklichungsaufrufe ist die materielle Gewalt, die sie in den Arbeitsverhältnissen und den Sozialstaatsreformen annehmen und die gesellschaftliche Ungleichheit, die hinter der Rhetorik der Entscheidung verschwindet.

An den Hartzgesetzgebung zeigt sich die materielle Gewalt der Aktivierungsforderungen: wer sich ihnen zu entziehen versucht, verliert die Ansprüche auf Existenzsicherung. Das Zusammenspiel von erweiterter Freiwilligkeit und erweiterter Zumutbarkeit kann als paradigmatisch für die neuen Subjektanforderungen gesehen werden. Auch wer sie zu realisieren versucht, sieht sich einer strukturellen Endlosigkeit gegenüber – und der Erschöpfung und Erschöpfungsdepression. Denn die Rhetorik von Aktivierung und Entscheidung legt nahe, dass mangelnder Erfolg nicht auf strukturelle gesellschaftliche Probleme sondern auf individuelles Ungenügen zurückzuführen ist. Werden die personalisierenden Nahelegungen in die eigenen Sichtweisen übernommen, gehen die Aktivierungsforderungen leicht in die Selbstbezichtigungen über, die für Depressionen typisch sind:

So berichtet eine Berliner Psychiaterin von Arbeitslosen, die ihre Akten mit in die Therapie bringen, um ihre – ergebnislosen – Anstrengungen zu belegen (Steinrücke 2005); Krankenkassenangestellte – die mit dem Mittel der Zielvereinbarung unter Stress gesetzt, keine Überstunden mehr machen können, arbeiten sich mit der Verantwortung, die man ihnen überträgt, in die Erschöpfungsdepression hinein.

 

Viele Menschen haben das Gefühl, dass es einen impliziten Vertrag in der Gesellschaft gibt: dass sich harte Arbeit gegen soziale Absicherung „tauscht“ (Hentges et al. 2003). Dieser Vertrag scheint einseitig aufgekündigt: selbst wer zu härterer Arbeit und leidvoller Unterordnung bereit ist, erlebt, dass seine legitimen Erwartungen an sozialen Standard und Lebensqualität dauerhaft frustriert werden. In der klinischen Psychologie kennt man aber auch den Begriff der „Gratifikationskrise“: das Gefühl, dass die eigenen Anstrengungen nicht gewürdigt werden, wodurch sich Stress und Depression entwickeln können.

 

Solche Entwicklungen bilden m.E. den Hintergrund für Ehrenbergs Analyse, dass die Linien von Verboten und Erlaubt an der „Nahtstelle“ von Individuum und Gesellschaft abgelöst wurden durch scheinbar endlose Anforderungen der Selbstverwirklichung. Im 19. Jahrhundert galt die Depression – damals als Melancholie – als Leiden des außergewöhnlichen Menschen. Mit den neoliberalen Aktivierungsdiskursen kommt es gewissermaßen zu einer „Popularisierung des Außergewöhnlichen“ (Ehrenberg 2004, 262). Die Popstars sind geradezu ein Sinnbild dafür: die Stars sind nicht mehr die fernen, unerreichbaren Geschöpfe, sondern wir alle könnten es sein, wenn wir nur genug für unsere Träume kämpften – wie der Bundespräsident in der Antrittsrede gesagt hat. In den Versprechungen der Popstars-Sendung wird das Fernsehen zum „Fenster“, durch das eine prekarisierte Bevölkerung „gebannt auf das Imaginäre scheinbar grenzenloser Möglichkeiten schaut“ (Barfuss 2002, 187).

 

Perspektiven jenseits von Hemmung und Selbstverwertung

 

Wer nach Veränderungsmöglichkeiten fragt, kann sich nicht einfach auf eine Seite schlagen: weder das Nichtstun noch die Aktivierung sind an sich eine emanzipatorische Antwort auf die aktuellen gesellschaftlichen Zumutungen. Beide können Ausgangspunkte für Strategien sein, sich Zumutungen zu entziehen und die eigene Aktivierung mit der Frage zu verbinden, wie wir denn eigentlich leben wollen und sie damit ggf. dem Markt zu entziehen. Nicht also die abstrakte Negierung der Aktivierungsforderungen und die Neuauflage des Lobs der Faulheit (an sich) scheint mir eine emanzipatorische Alternative zu sein, sondern eher die subversive Wendung, das Aufgreifen der Selbstbestimmung im neoliberalen Versprechen, um danach zu fragen, was denn soziale und gesellschaftliche Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben sein könnten. Die Produktivitätsaufrufe dem Markt zu entwinden, die Kooperationsaufrufe dem Wettbewerb und die Emotionen der Selbst-Mobilisierung – darin könnten sich Perspektiven auf ein neues Verständnis von Glück eröffnen, das nur Ergebnis von vielfältiger und kollektiver Selbstaktivierung sein kann.

 

The Revolution will not be televised (Gil Scott-Heron)

 

 

Barfuss, Thomas, 2002: Konformität und bizarres Bewusstsein. Zur

Verallgemeinerung und Veraltung von Lebensweisen in der Kultur des 20.

Jahrhunderts, Argument Hamburg

 

Ehrenberg, Alain, 2004: Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft

in der Gegenwart, Campus Frankfurt/M

 

Ehrenreich, Barbara, 2006: qualifiziert und arbeitslos: Eine Irrfahrt

durch die Bewerbungswüste, Antje Kunstmann München

 

Gramsci, Antonio, 1991ff: Gefängnishefte, Argument Hamburg

 

Hartz, Peter, 2001: Job Revolution. Wie wir neue Arbeitsplätze gewinnen

können, Frankfurter Allgemeine Buch Frankfurt/M

 

Haug, Wolfgang Fritz, 2001: Die Produktionsweise denken. In: Hans Jürgen

Bieling, u.a. (Hg.), Flexibler Kapitalismus, VSA Hamburg, 36-51

 

Hentges, Gudrun, Malte-Henning Meyer, Jörg Flecker, Sabine Kirschenhofer,

Eva Thoft, Edvin Grinderslev und Gabrielle Balazs, 2003: The Abandoned

Worker - Socio-economic Change and the Attraction of Right-wing

Populismus. European Synthesis Report on Qualitative Findings, Wien

 

Holzkamp, Klaus, 1983: Grundlegung der Psychologie, Campus Frankfurt/M

 

Soost, Deleft D!, und Anne Ascher, 2005: Heimkind - Neger - Pionier. Mein

Leben, Rowohlt Reinbek bei Hamburg

 

Steinrücke, Margarete, 2005: Soziales Elend als psychisches Elend. In:

Franz Schultheis und Kristina Schulz (Hg.), Gesellschaft mit begrenzter

Haftung. Zumutungen und Leiden im deutschen Alltag, UVK Konstanz, 198-208

 

Urban, Hans-Jürgen, 2004: Eigenverantwortung und Aktivierung -

Stützpfeiler einer neuen Wohlfahrtsarchitektur?, in: WSI-Mitteilungen

9/2004, H. 467-73

 

 

 

 

 

 

 



Zuletzt aktualisiert am Montag, 31. Mai 2010 um 19:05 Uhr