Neueste Nachrichten
- Vokü 26ter Januar im Rhizom und LADENWIEDERERÖFFNUNG
- Aufruf des Bündnisses Dresden Nazifrei 2012
- Repression gegen Castor Schottern
- 3-5.12.Proteste gegen Petersberg II - Krieg begintt hier
- Castor? Schottern! 2011
- regionale S21-Aktionstage im November
- 15. Oktober | Weltweiter Aktionstag gegen die Kapitalistische Krise
| Veranstaltung am 2.Juni: Nichtstun zwischen Renitenz und Depression |
|
|
|
| Geschrieben von: Christina Kaindl |
| Montag, 31. Mai 2010 um 00:00 Uhr |
Diskussionstext von Christina Kaindl zur Veranstaltung am 02.Juni um 20 Uhr im Kulturladen RhizomNichtstun zwischen Renitenz und DepressionChristina Kaindl If God passed the mic to me to speak, I’d say stay in bed world. Nichts zu tun kann ein Akt des Widerstands sein: eine Verweigerung gegen die Anforderungen der Aktivierung, gegen die dauernde Aufforderung, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und zum Unternehmen zu gestalten, den Rückzug des Sozialstaates aus der Lebenssicherung zu kompensieren. Das Nichtstun kann dann ein Aspekt von Befreiung oder zumindest der Rückgewinnung von Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit sein. Anders verhält es sich, wenn das Nichtstun als „Vorgang dritter Person“ (Holzkamp 1983, 335) erfahren wird. Dann wird es nicht als Widerstand gelebt, weil man sich selbst nicht als Ursprung des Nicht-Handelns erlebt, sondern als Hemmung erlitten: als Unfähigkeit zu handeln, als Stillstand, der in einem schmerzlichen Missverhältnis zu den Aktivierungsanforderung steht. Nichtstun ist dann keine selbst gewählte Strategie der Leistungsverweigerung oder des Lebensgenusses, sondern wird zum Gefühl von gleichzeitigem Getriebensein und Handlungsunfähigkeit. Die „Antriebshemmung“ – bis zur Denkhemmung – ist eines der wichtigsten Symptome von Depression. Immer wieder wird davon gesprochen, dass die Verbreitung von Depressionen in den letzten Jahren und Jahrzehnten vor allem in den „hoch entwickelten Industriegesellschaften“ stark zugenommen habe .
Alain Ehrenberg (2004) spricht in seinem Buch von der „Krankheit unserer Zeit“. In seiner Rekonstruktion der Geschichte der Depression diskutiert er gewissermaßen zwei Sachen gleichzeitig: einerseits, wie gesellschaftliche Veränderungen zu einer Ausweitung der Depression als Erkrankung führten und dass im Laufe der letzten Jahrzehnte sich das (wissenschaftliche) Verständnis von Depression selbst veränderte: „Die Depression ist nicht die Krankheit des Unglücks sondern die Krankheit des Wechsels, die Krankheit der Persönlichkeit, die versucht, nur sie selbst zu sein: Die innere Unsicherheit ist der Preis für diese ‚Befreiung’.“ (13) Ab den 1980er-Jahren tritt die Depression mit einer Symptomatik auf, bei der nicht so sehr das psychische Leiden als vielmehr die Hemmung, Verlangsamung dominieren. „Die alte traurige Verstimmtheit wird zu einer Handlungsstörung und das in einem Kontext, in dem die persönliche Initiative zum Maß der Person wird.“ (Ebd.)
Als Erklärung für diesen Wandel knüpft Ehrenberg an
psychoanalytische Konzepte an: die Internalisierung von gesellschaftliche
Normen verläuft hier biografisch zuerst über den Ödipuskomplex: der Konflikt,
in dem das Kind lernt, die Verbote und Restriktionen dem eigenen Begehren
gegenüber „nach innen zu nehmen“: indem sie eigene Ansprüche, Normen des
eigenen Gewissens werden, die gegebenenfalls aufkommendeBegierden schnell ins Unbewusste
verbannen, können Konflikte mit Angst machenden gesellschaftlichen Instanzen
vermieden werden. Der Ursprung in gesellschaftlichen Machtverhältnissen muss
allerdings selber unbewusst gemacht werden. Da in Freuds Vorstellung die
Menschen von Natur aus „ungesellschaftlich“ sind, die Triebe der Einzelnen nur
auf ihre private Befriedigung und nicht auf gesellschaftliche Zwecke bezogen
sind, ist in seiner Vorstellung die Unterdrückung der Triebe und ihre Umleitung
(Sublimierung) in gesellschaftlich nützliche Pfade wie Arbeit und Kulturproduktion
grundsätzlich notwendig. Wird die Schraube allerdings zu eng gezogen – wie in
verklemmten Zeiten der Mittelschichten Anfang des 20. Jahrhunderts – oder die
Subjekte aus anderen Gründen nicht in der Lage, die Konflikte auf Glück und
gesellschaftliche Produktivität hin zu lösen, entstehen Zwänge und Neurosen.
Sie galten lange als die wichtigsten psychischen Erkrankungen. Im Rahmen
gesellschaftlicher Veränderungen treten die Verbote und Tabus in den
Hintergrund zugunsten der allgegenwärtigen Anforderung, „man selbst zu werden“,
Emotionen, Konflikte, Biografie als Ressourcen zu sehen, die zu Kapitalisierungszwecken
auf den Markt geworfen werden können. Man kann diesen Wandel mit dem Ende des Fordismus in Zusammenhang bringen – dieser gerade untergegangenen Formation des Kapitalismus, die vor allem auf Massenproduktion und in den weltwirtschaftlichen Zentren auch auf Massenkonsum gesetzt hat, die gesellschaftliche Absicherung und berechenbare Karriereverläufe gegen Sexualunterdrückung und Kleinfamilienexistenz gehandelt hat und das Problem von Exklusion und Inklusion über Rassismus und Nationalismus zu lösen versucht hat. Die Herstellung von Lebensweisen, die den Anforderungen der fordistischen Produktionsweise entsprechen, hat Gramsci - italienischer Philosoph und Kommunist, der von den Faschisten eingekerkert wurde - anhand der („puritanischen“) Kampagnen von Staat, Kirche und Zivilgesellschaft gegen ausschweifende sexuelle oder alkoholische Lebensformen untersucht. Sie ergänzten die hohen Löhne, die zunächst dafür sorgen sollten, dass die Menschen sich überhaupt in die neuen Arbeitsformen einfinden wollten/sollten und dass sie für die körperliche und geistige Reproduktion sorgen konnten – dafür war aber notwendig, dass sie ihr Geld nicht für Schnaps und Prostituierte ausgaben. „Der neue Industrialismus will die Monogamie, will, daß der arbeitende Mensch seine Nervenkräfte nicht bei der krampfhaften und ungeordneten Suche nach sexueller Befriedigung verschwendet: der Arbeiter, der nach einer ausschweifenden Nacht zur Arbeit geht, ist kein guter Arbeiter, der Überschwang der Leidenschaft verträgt sich nicht mit der zeitgemessenen Bewegung der Maschinen und der menschlichen Produktionsgesten.“ (Gramsci 1991ff, Gef. Bd. 9, H. 22 §11, 1088f)
Die Unterdrückung von ‚Trieben’, Wünschen und Begehren
ist/war in den Produktionsformen des Fordismus Voraussetzung für das
Funktionieren und Aufrechterhalten der Produktionsweise. Das geht nicht (nur)
über Zwang, sondern die Menschen müssen ihr Leben in diesen Begriffen,
Konzepten und Vorstellungen entwerfen (wollen), müssen sie als Teil der eigenen
Lebensführung begreifen. Die benannten Kampagnen der Kirchen, Massenmedien,
staatliche Maßnahmen zur „Erziehung der Arbeitskräfte“ im Rahmen der
wohlfahrtsstaatlichen Maßnahmen sind Teil der Vermittlung und Übersetzung
dieser Anforderungen in die Lebenszusammenhänge der Einzelnen. In der nach-fordistischen kapitalistischen
Produktionsweise treten die von Ehrenberg skizzierten Anforderungen der
Selbst-Kapitalisierung, der Mobilisierung von Begehren zugunsten des Marktes in
den Vordergrund. Die damit verbundene Produktionsweise bezeichnet etwa Wolfgang
Fritz Haug als transnationalen High-Tech-Kapitalismus (2001), um auf die neue Leitproduktivkraft
des Computers, die neuen globalen Konkurrenz- und Produktionsverhältnisse
hinzuweisen. Nicht mehr der Massenkonsum in den Zentren steht im Vordergrund,
die Ausgleichsmöglichkeiten von Gewerkschaften und Sozialstaat werden
zurückgedrängt. Die Aushöhlung des Sozialstaates und die neuen
Verwertungsstrategien werden umgesetzt mit einer Rhetorik der Aktivierung von
individuellen, emotionalen und kreativen wie materiellen Ressourcen. Nicht so
sehr die Einpassung der Einzelnen in gesellschaftlich vorgestanzte
Subjektivitätsformen, die Sexualität und Lust abschneiden, steht im
Vordergrund, sondern der Aufruf, „man selbst zu werden“, indem man sich selbst
auf den Markt – der Waren und Arbeitskraft - wirft. Die neuen Anforderungen
zeigen sich in Managementratgebern und Unternehmenskulturen, in Arbeitsplatzbeschreibungen
und der Umstrukturierung von Arbeitsplätzen: Zielvereinbarungen, flache Hierarchien,
Vertrauensarbeit, Job-Familien, atmende Fabrik und all die Zauberworte, die die
Flexibilisierung der Arbeitenden in Lohn und Arbeitszeit, Stress und
Qualifizierung anpeilen. Teil der zivilgesellschaftlichen Kämpfe um
Lebensweisen sind auch die Medien, die Kulturindustrie, Gramsci spricht auch
von den Stars in Hollywood. Fragt man nach medialen Vermittlungen der neuen
Lebensweise, lohnt sich ein Blick auf die neuen Stars. „Man muss lange üben, bis man für Geld was fühlt“
(Funny van Dannen) So stellen etwa Casting-Shows wie Popstars eine
scheinbare Verallgemeinerung des Starwesens dar: Popstar kann jeder werden, der
bereit ist, mit harter Arbeit seinen Traum zu erfüllen: In öffentlichen Castings
in mehreren deutschen Städten bewerben sich tausende von Kandidaten. Sie haben
wenige Minuten Zeit, sich als Person zu präsentieren, Gesangs- und
Tanzkenntnisse vorzustellen; Ausschnitte werden bereits übertragen. Für die
Ausgewählten finden mehrere aufeinander aufbauende Workshops statt, an denen
sie mit verschiedenen Aufgaben (Vorgaben für zu interpretierende Songs,
Schrittfolgen für Choreographien, Soloauftritte, Gruppenauftritte) konfrontiert
und die Teilnehmer für die jeweils nächste Runde ausgewählt werden. Dabei
stehen den Kandidaten ab der zweiten Runde Coaches zur Verfügung, die ihnen Hilfen und
Unterricht in Gesang, Tanz, Präsentation zukommen lassen. Die Bewältigung der Anforderungen
ist damit an die Frage gebunden‚ was kannst du aus dem machen, was wir dir
anbieten’. Gefragt ist, was Hartz als „steile Lernkurven“ bezeichnet hat (Hartz
2001, 52). Zu einem Star der Popstars hat sich der Choreograf und
Tanz-Coach (z.T. auch Jury-Mitglied) Detlef D! - sprich [di:] - Soost
entwickelt. Seine harten Umgangsformen mit den Kandidaten haben ihm den
Beinamen „Drillinstructor“ eingebracht, der „nur so hart zu euch ist, weil er
auch so hart zu sich ist“. In seiner Person bündeln sich die Versprechungen eines
Klassen und Schichtungen überspringenden Erfolgs: als Schwarzer, ohne Vater mit
psychisch kranker Mutter im Heim in der DDR aufgewachsen, hat er sich in den
90er-Jahren vor allem mit Betrügereien durchgeschlagen (was er in seiner
Biografie Heimkind - Neger - Pionier freimütig berichtet), aber immer auch an
seinem Traum gearbeitet, was ihm schließlich den Erfolg beschieden hat:
„Pionier, d.h. Wegbereiter zu sein, den Menschen zu zeigen, dass es mit
eisernem Willen und mit harter Arbeit gelingen kann, seine Träume zu leben,
wenn man akzeptiert, wer man ist. Ich habe diesen Schritt getan. Ich bin Heimkind,
Neger, Pionier. Ich bin Detlef D! Soost.“ (Soost/Ascher 2005, 13) Die Erfolgsrezepte der Popstars ähneln auf so
eklatante Weise den Botschaften der Selbstmanagement-Ratgeber, als seien sie
deren Übersetzung für Bevölkerungsschichten, die Managementliteratur nicht auf
ihrer Sommerurlaubs-Leseliste führen. Im Zentrum der Anrufungen der Sendung steht die
Forderung, sich zur Leistung zu entscheiden. Entsprechend hat, wer die
Anforderungen nicht erfüllt, sich nicht dafür entschieden. Hier findet die
Logik der „Aktivierung“, Grundpfeiler der Hartz-Gesetze, ihren
Widerhall, die „implizit den Vorwurf der Passivität gegenüber den
Leistungsempfängern enthält“ (Urban 2004, 471). Als Technik, um diese Bereitstellung von Emotionen zu
bewerkstelligen, dient etwa das Neurolinguistische Programmieren (NLP), in dem
quasi eine Selbstkonditionierung von Gefühlen trainiert wird. NLP hat
verschiedene Konzepte in sich aufgenommen, unter anderem die Theatertechniken
von Stanislawski und Strasberg – auch hier geht es darum, die eigenen Gefühle in
diesem Falle für die Bühne quasi als „Kapital“ für die Modellierung von Theaterszenen
nutzbar zu machen. Entsprechend lernt man nicht, so zu tun, wie die Person, die
man in einer Szene darstellt, versetzt sich in diesem Sinne nicht in andere Personen hinein, sondern
ergründet, um welche Emotionen es in der Szene geht, erforscht, wann man selbst
solche Gefühle hatte - und trainiert, die damit verbundenen Ausdrucksformen
durch Aktualisierung der Situation und ihrer Gefühle darzustellen. Dieser Grundgedanke
durchzieht auch die Unmengen von Management- und Selbstmanagement-Literatur,
die den Markt überschwemmt. Emotionalität ist hier unverzichtbarer Bestandteil
der Konturierung des „Produkts“: man muss Gefühle ‚haben’, vor allem ‚zeigen’,
aber auch zu nutzen wissen, also mobilisieren und instrumentalisieren: „Wir
springen auf eine dritte Achse im Raum der Möglichkeiten: Emotionalität. Was
fühlen wir? Hinter dem Begriff Qualität steckt die Suche nach den Grenzen der
Empfindung. Emotion wird zu Kapital.“ (Hartz 2001, 57) Als kulturindustrielles Beispiel hierfür kann die
Figur des Brian Kinney in der US-amerikanischen Serie Queer as Folk dienen: ein
über die Maßen erfolgreicher Werbefachmann geht einem ausschweifenden
homosexuellen, „queeren“ Sexualleben nach, das sich offensiv abgrenzt gegen
eheähnliche Beziehungsmodelle. Kreativität und Sexualität sind miteinander
verwoben, letztere Quelle von erster. Seinem jungen Liebhaber empfiehlt er, die
Wut über einen beinahe tödlichen Übergriff für seine Arbeit als Künstler zu nutzen
– „take that anger and put it into your work“ - und „to be the best homosexual
you can possibly be“. Zum Ausgleich (to get even) soll er „the biggest
success“ werden, „because nothing pisses off a straight person more than a fag
that has more money, more sex and more success“. Diskriminierung und Gewalterfahrungen werden Teil der
subjektiven Ressourcen, die es für die Arbeit und den Markt zu mobilisieren
gilt. Der Umstand, dass die Serie weit über die Grenzen der homosexuellen Subkulturen
Erfolge gefeiert hat, hängt m.E. mit dem Versprechen des lust- und
arbeitserfüllten Lebens zusammen, das sich jenseits fordistischer Lebensentwürfe bewegt: „We don’t think in a box, therefore
we don’t live in a box and we don’t work in a box.“ Houellebecq hat diese Parallelisierung von Erfolg auf
dem Sex- und Arbeitsmarkt bereits kritisiert, allerdings m.E. eher vom
Standpunkt wertkonservativer Kritik, die nicht die gleichzeitige Befreiung und Unterwerfung
unter den Markt sieht, sondern die Unterwerfung der freigesetzten Sexualität
unter den Markt mit einer Rückführung der Sexualität in alte Bahnen
beantwortet. Die relative Fortschrittlichkeit zeigt sich in der Serie nicht
zuletzt in der offenen Opposition gegen neokonservative und evangelikale
Zumutungen der Re-normierung der privaten Lebensverhältnisse. Es zeigt sich ein neues Emotionalitäts- und
Motivationsdispositiv: Für den Fordismus gilt weitgehend, dass Gefühle im
Rahmen restriktiver Handlungsfähigkeit, also Handlungsfähigkeit, die sich als
Denken (und Handeln) unter gesellschaftlichen Formen realisiert, ohne diese zu überschreiten,
durch Polarisierung ruhig gestellt werden: einerseits in der „scheinhaften
‚Verinnerlichung’ der Emotionalität als von den realen Lebensbedingungen
isolierter, bloß ‚subjektiver’ Zustand des je einzelnen Individuums“,
andererseits als „’Entemotionalisierung’, d.h. Zurückgenommenheit und
Unengagiertheit des Handelns“ (Holzkamp 1983, 404). Indem die Gefühle von der Situation und vom Handeln
darin losgelöst und dissoziiert erscheinen, werden sie zu besonderer „Tiefe“
mystifiziert. Das kann als Herrschaftstechnik gefasst werden: wenn ich meine
Emotionen mit meiner Lebens- und Arbeitssituation in Verbindung bringen würde, würden
sich daraus vielleicht Handlungsimpulse zu deren Veränderung ergeben. Wenn mir
Emotionen irrational und als etwas, was „in mir existiert“, ontologisiert
werden, kann ich die Verbindung zu aktuellen Wertungen und
Veränderungsnotwendigkeiten kappen. Um den fordistischen Anforderungen einer repressiven
Sexualmoral, relativ stupider Arbeit, paternalistischer staatlicher
Anforderungen nachzukommen, ist es funktional, die damit verbundenen Gefühle
nicht als Bewertung dieser Situation und als Signal für Handlungsnotwendigkeit
zu sehen. Diese Dissoziation ist uns in vielen – auch alltäglichen –
Sprechweisen geläufig, ein Beispiel ist die Gegenüberstellung von „Kopf“ und
„Bauch“. Im neoliberalen Mobilisierungsdiskurs wird alles das
an die Oberfläche geholt: die Gefühle sind wieder „profanisiert“, weltlich und
jederzeit einsetzbar. Sie werden (auch hier) nicht als Bewertung der Situation gedacht,
sondern müssen unabhängig davon zum Handeln unter fremd gesetzten Zielen
befähigen, sind Teil von Selbstinstrumentalisierungen, die die geforderten
Haltungen - aktiv, kreativ, demütig - bereitstellen können. Entsprechend
verschieben sich auch die Erscheinungsweisen restriktiver Motivation (Holzkamp
1983, 411ff): es geht weniger darum, feststehende Ziele und Verhaltensweisen zu
oktroyieren, als vielmehr die Subjekte zu mobilisieren, sich die von anderen
definierten Probleme selbständig zu eigen zu machen bzw. selbst aus den
sachlichen Gegebenheiten abzuleiten, ihre Kreativität und Individualität in
diese Prozesse einzubringen und eigenständig Verwertungsmöglichkeiten zu
eröffnen. Die „Rückseite“ der Selbstverwirklichungsaufrufe ist
die materielle Gewalt, die sie in den Arbeitsverhältnissen und den
Sozialstaatsreformen annehmen und die gesellschaftliche Ungleichheit, die
hinter der Rhetorik der Entscheidung verschwindet. An den Hartzgesetzgebung zeigt sich die materielle
Gewalt der Aktivierungsforderungen: wer sich ihnen zu entziehen versucht,
verliert die Ansprüche auf Existenzsicherung. Das Zusammenspiel von erweiterter
Freiwilligkeit und erweiterter Zumutbarkeit kann als paradigmatisch für die
neuen Subjektanforderungen gesehen werden. Auch wer sie zu realisieren versucht,
sieht sich einer strukturellen Endlosigkeit gegenüber – und der Erschöpfung und
Erschöpfungsdepression. Denn die Rhetorik von Aktivierung und Entscheidung legt
nahe, dass mangelnder Erfolg nicht auf strukturelle gesellschaftliche Probleme
sondern auf individuelles Ungenügen zurückzuführen ist. Werden die
personalisierenden Nahelegungen in die eigenen Sichtweisen übernommen, gehen
die Aktivierungsforderungen leicht in die Selbstbezichtigungen über, die für
Depressionen typisch sind: So berichtet eine Berliner Psychiaterin von
Arbeitslosen, die ihre Akten mit in die Therapie bringen, um ihre –
ergebnislosen – Anstrengungen zu belegen (Steinrücke 2005);
Krankenkassenangestellte – die mit dem Mittel der Zielvereinbarung unter Stress
gesetzt, keine Überstunden mehr machen können, arbeiten sich mit der Verantwortung,
die man ihnen überträgt, in die Erschöpfungsdepression hinein. Viele Menschen haben das Gefühl, dass es einen
impliziten Vertrag in der Gesellschaft gibt: dass sich harte Arbeit gegen
soziale Absicherung „tauscht“ (Hentges et al. 2003). Dieser Vertrag scheint
einseitig aufgekündigt: selbst wer zu härterer Arbeit und leidvoller
Unterordnung bereit ist, erlebt, dass seine legitimen Erwartungen an sozialen
Standard und Lebensqualität dauerhaft frustriert werden. In der klinischen Psychologie
kennt man aber auch den Begriff der „Gratifikationskrise“: das Gefühl, dass die
eigenen Anstrengungen nicht gewürdigt werden, wodurch sich Stress und
Depression entwickeln können. Solche Entwicklungen bilden m.E. den Hintergrund für
Ehrenbergs Analyse, dass die Linien von Verboten und Erlaubt an der
„Nahtstelle“ von Individuum und Gesellschaft abgelöst wurden durch scheinbar
endlose Anforderungen der Selbstverwirklichung. Im 19. Jahrhundert galt die Depression
– damals als Melancholie – als Leiden des außergewöhnlichen Menschen. Mit den
neoliberalen Aktivierungsdiskursen kommt es gewissermaßen zu einer
„Popularisierung des Außergewöhnlichen“ (Ehrenberg 2004, 262). Die Popstars
sind geradezu ein Sinnbild dafür: die Stars sind nicht mehr die fernen,
unerreichbaren Geschöpfe, sondern wir alle könnten es sein, wenn wir nur genug
für unsere Träume kämpften – wie der Bundespräsident in der Antrittsrede gesagt
hat. In den Versprechungen der Popstars-Sendung wird das Fernsehen zum
„Fenster“, durch das eine prekarisierte Bevölkerung „gebannt auf das Imaginäre
scheinbar grenzenloser Möglichkeiten schaut“ (Barfuss 2002, 187). Perspektiven jenseits von Hemmung und Selbstverwertung Wer nach Veränderungsmöglichkeiten fragt, kann sich
nicht einfach auf eine Seite schlagen: weder das Nichtstun noch die Aktivierung
sind an sich eine emanzipatorische Antwort auf die aktuellen gesellschaftlichen
Zumutungen. Beide können Ausgangspunkte für Strategien sein, sich Zumutungen zu
entziehen und die eigene Aktivierung mit der Frage zu verbinden, wie wir denn
eigentlich leben wollen und sie damit ggf. dem Markt zu entziehen. Nicht also
die abstrakte Negierung der Aktivierungsforderungen und die Neuauflage des Lobs
der Faulheit (an sich) scheint mir eine emanzipatorische Alternative zu sein,
sondern eher die subversive Wendung, das Aufgreifen der Selbstbestimmung im
neoliberalen Versprechen, um danach zu fragen, was denn soziale und
gesellschaftliche Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben sein könnten.
Die Produktivitätsaufrufe dem Markt zu entwinden, die Kooperationsaufrufe dem
Wettbewerb und die Emotionen der Selbst-Mobilisierung – darin könnten sich
Perspektiven auf ein neues Verständnis von Glück eröffnen, das nur Ergebnis von
vielfältiger und kollektiver Selbstaktivierung sein kann. The Revolution will not be televised (Gil Scott-Heron) Barfuss, Thomas, 2002: Konformität und bizarres
Bewusstsein. Zur Verallgemeinerung und Veraltung von Lebensweisen in
der Kultur des 20. Jahrhunderts, Argument Hamburg Ehrenberg, Alain, 2004: Das erschöpfte Selbst.
Depression und Gesellschaft in der Gegenwart, Campus Frankfurt/M Ehrenreich, Barbara, 2006: qualifiziert und
arbeitslos: Eine Irrfahrt durch die Bewerbungswüste, Antje Kunstmann München Gramsci, Antonio, 1991ff: Gefängnishefte, Argument Hamburg Hartz, Peter, 2001: Job Revolution. Wie wir neue
Arbeitsplätze gewinnen können, Frankfurter Allgemeine Buch Frankfurt/M Haug, Wolfgang Fritz, 2001: Die Produktionsweise
denken. In: Hans Jürgen Bieling, u.a. (Hg.), Flexibler Kapitalismus, VSA Hamburg,
36-51 Hentges, Gudrun, Malte-Henning Meyer, Jörg Flecker,
Sabine Kirschenhofer, Eva Thoft,
Edvin Grinderslev und Gabrielle Balazs, 2003: The Abandoned Worker -
Socio-economic Change and the Attraction of Right-wing Populismus. European Synthesis Report on Qualitative
Findings, Wien Holzkamp, Klaus, 1983: Grundlegung der Psychologie,
Campus Frankfurt/M Soost, Deleft D!, und Anne Ascher, 2005: Heimkind -
Neger - Pionier. Mein Leben, Rowohlt Reinbek bei Hamburg Steinrücke, Margarete, 2005: Soziales Elend als
psychisches Elend. In: Franz Schultheis und Kristina Schulz (Hg.),
Gesellschaft mit begrenzter Haftung. Zumutungen und Leiden im deutschen Alltag,
UVK Konstanz, 198-208 Urban, Hans-Jürgen, 2004: Eigenverantwortung und
Aktivierung - Stützpfeiler einer neuen Wohlfahrtsarchitektur?, in:
WSI-Mitteilungen 9/2004, H. 467-73
|
| Zuletzt aktualisiert am Montag, 31. Mai 2010 um 19:05 Uhr |


