Veranstaltungsbericht: Neoliberale Durchdringung und Normierung des Privaten PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Werner Fink   
Mittwoch, 30. Juni 2010 um 08:02 Uhr

Bericht zur Veranstaltung:
Christina Kaindl: Neoliberale Durchdringung und Normierung des Privaten

am 02.06.2010, 20.00 Uhr im Kulturladen Rhizom

Nach einer kurzen Begrüßung der ca. 20 Besucherinnen und Besucher, einer allgemeinen Einführung zur Veranstaltungsreihe „Handreichungen zum Klassenkampf“ und einer kurzen Vorstellung der Referentin, beginnt Christina Kaindl mit ihrem Vortrag.

„Wie werden wirtschaftliche, also neoliberale Anforderungen gesellschaftlich umgesetzt?“, ist die Leitfrage ihrer Ausführungen. Grundproblem bei diesen Betrachtungen sei es, dass Menschen oft als „abhängige Variablen“ gesellschaftlicher Veränderungen und weniger als Subjekte gesehen würden.

Christina Kaindl begann ihre Ausführungen mit einem Rückgriff auf Gramsci und dessen Untersuchungen des Fordismus in den 1920er Jahren, damals sei das Einlassen auf das Fabriksystem (bestimmt durch den 8h Tag und die „Fordfamilie“) die Grundvorrausetzung für die wirtschaftliche Sicherheit und gesellschaftlichen Aufstieg der meist aus Migrantenfamilien stammenden Arbeiter gewesen. Bestärkt durch das Bündnis aus Unternehmer, Staat und Kirche erforderte dieses „Einlassen“ auch die Aufgabe individueller Bedürfnisse und Triebe, Verstöße dagegen wurden von allen drei Institutionen sanktioniert.

Heute funktioniere dieser „Vertrag“ des Fordismus in dieser Weise nicht mehr, im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde das Fließband als Leitproduktivkraft vom Computer abgelöst, das neue System ließe sich demnach als „transnationaler Hightech-Kapitalismus“ (Haug) beschreiben, zu dessen bestimmenden Merkmalen die globale Dimension und dessen Rhetorik der Aktivierung gehören. Der „Neoliberalismus“ sei also lediglich die „Verwaltungs- und Organisationsform“ des „transnationalen Hightech-Kapitalismus’“, und als solcher muss der Neoliberalismus vermittelt werden. Christina Kaindl weist hier auf die Verbindung zu Grmasci hin, der, in einem ähnlichen Zusammenhang, die Durchsetzung des Fordismus betreffend, von „kleinen und großen Intellektuellen“ spricht und auf die Bedeutung von Hollywood als „Traumfabrik“ (nomen est omen!), und damit auf die Rolle der Medien, hinweist.

Heute seien „Kreativität“, „Emotionalität“, „Flexibilität“ und der Einsatz des „ganzen Ich“ die wesentlichen von der Wirtschaft gestellten Anforderungen. Zusammen mit den Aufforderungen zu „Eigenverantwortlichkeit“, den Möglichkeiten der „Selbstverwirklichung“, der (meist nur gefühlten) „Selbstständigkeit“ und der Möglichkeit eines eigenen „Zeitregimes“ bilden sie die Grundbausteine der neoliberalen Rhetorik.

Anhand der TV-Sendung „Popstars“ („Jeder kann Popstar werden, man muss nur hart dafür arbeiten.“) und der Autobiografie des „Starcoachs“ Detlef D. Soest analysierte Christina Kaindl die neoliberale Rhetorik mit ihren Forderungen nach „steileren Lernkurven“ (P. Hartz) und „Selbstmanagement“. Christina Kaindl verglich dies mit den Techniken der NLP (Neurolinguistische Programmierung). Ziel sei es, die eigenen Gefühle, die die eigentliche Situation reflektieren, auszuschalten.

Gekennzeichnet sei dieser Umgang mit Emotionen einerseits durch die Trennung von Handeln und Emotion, andererseits durch die Trennung von Denken und Emotionen. Dieses „Ausschalten der Gefühle“ ließe sich darum als Herrschaftstechnik identifizieren, „Gefühle hat man, sie sind keine Reaktion (d.h. Bewertung) von Situationen“, so Christina Kaindl.

Aus psychotherapeutischer Sicht lasse sich ein klarer Zusammenhang zwischen dem veränderten Umgang mit Emotionen und dem veränderten Krankheitsbild der Depression aufzeigen, wurden früher Depression synonym zu Melancholie verwendet, so werde Depression heute als Handlungsstörung, Hemmung, Antriebslosigkeit begriffen.

Beispielhaft lässt sich dies daran erkennen, dass die in Personalgesprächen (wie auch in der Sendung „Popstars“) verbreiteten Zielvereinbarungen. direkt oder indirekt, zu Gratifikationskrisen und Erschöpfungsdepressionen führen.

Unerwähnt blieben in diesem Zusammenhang allerdings die Relationen und strukturellen Probleme zwischen z.B. Arbeitsplätzen und Arbeitssuchenden, „Popstar“-Kandidatinnen und Kandidaten und möglichen „Gewinnern“ (4:15.000, d.h. 14.996 können schon rein rechnerisch keine „Popstars“ werden - egal, wie hart sie dafür arbeiten – s.o.)

Dennoch greifen die neoliberalen Versprechen die Mängel des Fordismus auf und entwickeln ihn in diesem Sinne weiter, so seien heute Geschlecht, sexuelle und religiöse Orientierung, kultureller Hintergrund weit weniger hemmende Faktoren als zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Selbst die Arbeitszeit ließe sich frei einteilen (Bsp. Freelancer) und der PC-Arbeitsplatz kann auch zuhause stehen, wichtig ist allein die Umsetzung der Zielvorgaben und die Einhaltung der Termine. „Schließlich könne man auch noch nachts am PC im Schlafzimmer arbeiten“

Möglichkeiten interventionistischer Praxis sieht Christina Kaindl vor allem in der Umsetzung wirklicher Selbstbestimmung und der Bildung von (Wettbewerb vermeidenden) Kooperationen und Kollektivierungen, zudem sieht sie Chancen im „Lob der Faulheit“, d.h. der Verweigerung von Lohnarbeit, in der oft Stress als Beweis von Handlungsfähigkeit erlebt werde. Zudem verwies Christina Kaindl darauf, dass Emotionen wieder als Selbstaufklärung wahrgenommen werden sollten.

In der anschließenden Diskussion wurden unter anderem die wirtschaftliche Verwertung der Emotionen am Beispiel der Künstlerinnen und Künstler auf dem aktuellen Kunstmarkt thematisiert, nach Christina Kaindl ergebe sich bei ihnen die (nahezu paradoxe) Situation, dass das Leben unter prekären Umständen zum künstlerischen Lebensentwurf gehöre und darum oft idealisiert werde.

Weiterhin wurde auf die gegenwärtige („neoliberale“) Vermischung von Leben und Arbeit eingegangen, die einen starken Gegensatz zum Fordismus bilde, in dem beide Bereiche strikt voneinander getrennt waren. Symptom dieser Vermischung sei unter anderem auch die frühkindliche Prägung auf die „Vertraglichkeit“ (z.B. „Es war ausgemacht, dass du dein Zimmer aufräumst, bevor du rausgehst.“) und „Emotionsarbeit“ (z.B. „Wenn du nicht Hallo sagst, dann ist die Oma traurig...“) im familiären Bereich.

Am Ende wurde nochmals und auch anhand der Erfahrungen des Publikums die Bedeutung und Wirkung von Soaps und so genannten Make-Over-Shows diskutiert.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, 30. Juni 2010 um 08:07 Uhr