Prekarisierung im neoliberalen Kapitalismus (Ravensburg 11.1.2007 Mario Candeias ) PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Kulturladen Rhizom   
Freitag, 12. Januar 2007 um 00:00 Uhr

Prekarisierung im neoliberalen Kapitalismus

Ravensburg 11.1.2007 Mario Candeias

Seit kurzem ist in der politischen Debatte wieder von einer ›Unterschichtsproblematik‹ die Rede. Immerhin ist der ›großen‹ Politik und den Medien nun aufgefallen, dass es so etwas wie ein ›Unten‹ überhaupt gibt, wo sich Unsicherheit breit macht. Als dann die vielen Steuermilliarden herein sprudelten, ist die Debatte auch schnell wieder vergessen. Das Geld verwendet man lieber für eine weitere Steuerentlastung der Unternehmen, die von einem Rekordgewinn zum nächsten Hetzen.

Wie auch immer, die Debatte trifft den Kern der Prekarisierung nicht. Prekär bedeutet im Lateinischen ›unsicher‹ und ›aus Gnade‹ gewährt und genau so fühlt es sich an, die Prekären müssen noch dankbar sein, dass sie überhaupt noch an Jobs kommen.

Aber Prekarisierung ist kein Problem einer kleinen, vielleicht wachsenden Unterschicht. Vielmehr erleben wir die Verbreitung einer allgemeinen gesellschaftlichen Kultur der Unsicherheit. Die kurze Aufregung um Prekarisierung als Unterschichtenproblem soll politisch als Entdramatisierung der sich zuspitzenden sozialen Frage wirken.

Doch Prekarisierung ist längst kein Problem einiger weniger mehr. Es betrifft Ein-Personen-Unternehmen und abhängig Selbständige, Heimarbeiterinnen, Mini- und Midi-Jober, befristete Beschäftigte, Leih- und Zeitarbeiter, unter- oder nicht-tarifliche Arbeit, Projektarbeiter, unfreiwillige und freiwillige Teilzeitarbeit und Niedriglöhner, die von ihrem Einkommen nicht leben können, Karrieren schlecht oder gar nicht bezahlter Praktika, etc. pp.

Ein paar Zahlen dazu: Niedriglohn z.B. wird in Deutschland bestimmt als Einkommen von weniger als 2/3 des Durchschnittseinkommens, das sind bereits über 36% der Erwerbstätigen, davon gehören über 7 Mio zu den lohnarbeitenden Armen, den working poor, die weniger als die Hälfte des Durschnittseinkommens erhalten, die Hälfte davon ist vollerwerbstätig (nicht etwa in Teilzeit).

Das sog. Normalarbeitsverhältnis wird ausgehöhlt. Etwa durch die Mini- und Midijobs, von denen es inzwischen über 5 Mio gibt – in gleichem Zeitraum sind 2,7 Mio sozialversichungspflichtige Arbeitsplätze weggefallen, quasi in Mini-Jobs zerlegt worden, was zugleich eine Verschärfung der prekären Einnahmebasis etwa der Renten- und Krankenkassen nach sich zieht, weil kaum Sozialabgaben aus diesen Beschäftigungsverhältnissen abgeführt werden. Dazu kommen an die 300.000 Arbeitsgelegenheiten, besser bekannt als 1-€-Jobs, die nach ersten Auswertungen ebenfalls nicht unerheblich zur Verdrängung regulärer Beschäftigung führen.

Der Geltungsbereich des Normalarbeitsverhältnisses – d.h. der dauerhaft, vollzeit-beschäftigten, mit umfangreichen sozialen Rechten ausgestatteten, häufig gewerkschaftlich organisierten, weißen, männlichen ›Arbeitnehmer‹ – wird zunehmend eingeschränkt. In Deutschland ist der Anteil regulärer Beschäftigungsformen von ehemals über 80% (Mitte der 1970er Jahre) auf weniger als 63% zurück gegangen, große Bereiche des Niedriglohnes noch gar nicht eingerechnet, weil sie formal oft der unbefristeten Vollbeschäftigung entsprechen, nur dass man davon eben nicht leben kann.

Die Ausbreitung informeller Aktivitäten ohne reguläres Beschäftigungsverhältnis und die Realität jenseits vereinbarter Verträge entziehen sich allerdings ohnehin den herkömmlichen statistischen Methoden. Dazu kommt über 2/3 aller neuen Jobs werden nur noch befristet vergeben (in Großbritannien oder Spanien bereits über 90%). 75% der Erwerbsverläufe in Deutschland verlaufen diskontinuierlich, also wechselnd zwischen Arbeit, Phasen der Arbeitslosigkeit, befristeter Beschäftigung, arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, prekärer Selbstständigkeit, Sozialhilfe, Arbeit etc. Sehr zugespitzt könnte man also sagen, das neue Normalarbeitsverhältnis sind die prekären Beschäftigungsverhältnisse.

Dimensionen der Prekarisierung

Was gehört eigentlich alles dazu, wenn wir von Prekarisierung sprechen? Dabei gilt es den Blick zu erweitern und nicht nur auf formale Kriterien wie Höhe des Lohnes oder Dauer des Beschäftigungsverhältnisses abzuzielen. Es geht um Dimensionen, die sozusagen im Gegensatz zu Vorstellungen ›guter Arbeit‹ stehen und es geht um Arbeits- und Lebensverhältnisse.

Es geht um 1) Arbeitsverhältnisse oder Formen der abhängigen Selbständigkeit ohne existenzsicherndes Einkommen, die 2) mit Tätigkeiten verbunden sind, denen bestimmte Kriterien qualifizierter Arbeit abgesprochen werden, mit entsprechend geringer oder mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung, die 3) zur tendenziellen Ausgliederung aus betrieblichen bzw. kooperativen Strukturen, zur Isolierung und Zerstörung von Sozialkontakten führen, die 4) mit einem tendenziell geringeren arbeitsrechtlichen Status verbunden sind, z.T. auch mit einem geringeren staatsbürgerschaftlichen Status etwa bei Migranten; es geht 5) um Arbeitsverhältnisse, die geringe oder keine Ansprüche auf Sozialleistungen zur Folge haben (Lohnersatzleistungen, Krankenversicherung oder Rente). Es geht auch um Prozesse, die 6) mit der Erosion öffentlicher Dienstleistungen als notwendigen Bedingungen des täglichen Lebens verbunden sind, die immer teurer oder abgebaut werden (obwohl hohe psycho-physische Beanspruchung der Arbeit, steigende Qualifikationsanforderungen etc. das Gegenteil erfordern würden), die 7) insgesamt eine längerfristige Planungssicherheit für den eigenen Lebensentwurf ausschließen, und schließlich 8) eine massive Verunsicherung oder Schwächung der individuellen und damit auch kollektiven Handlungsfähigkeit bewirken.

Zugegebenermaßen ein Sammelsurium an Dimensionen von Prekarisierung, aber genau an der unterschiedlichen Kombination dieser Dimensionen, die alle treffen, aber in unterschiedlicher Weise, zeigt sich die Vielfältigkeit von Prekarisierungsprozessen, die je nach Klassenzugehörigkeit, geschlechtlichen, ethnisch, nationalen oder anderen Zuschreibungen, ganz unterschiedlich ausfallen und verschieden bearbeitet werden. Es geht also nicht um einen Prozess der bestimmte Randgruppen betrifft, sondern um eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung. Jeder spürt den Druck der Prekarisierung, viele wissen von der Möglichkeit, dass es sie treffen kann – dieses Wissen wird aber noch lange nicht zu einem Verständnis einer allgemeinen, gemeinsamen Lage.

Diese Probleme beziehen sich nicht nur auf die klassischen Bereiche des Niedriglohns bei den sog. einfachen Dienstleistungstätigkeiten in Haushalt, Handel, Gastronomie, Transport oder Pflege, sondern findet sich auch bei den sog. Hochqualifizierten in Werbeagenturen, bei Journalisten, Webdesignern und Wissenschaftlern und zunehmend auch bei Facharbeitern. Beiden Gruppen gemeinsam ist die deformalisierte und individualisierte Form der Aushandlung von Arbeitsverhältnissen; sie unterscheiden sich jedoch fundamental in ihrer jeweiligen Stellung innerhalb des Produktionsprozesses. Beide sind Teil einer allgemeinen Prekarisierung der Arbeit, die eben keine Randerscheinung darstellt, und mit einer wachsenden Einkommenspolarisierung verbunden ist. Die Grenze zwischen beiden Sphären der Arbeit – etwa zwischen Putzmann und Computerarbeiterin, auch innerhalb desselben Unternehmens – sind allerdings so scharf, dass die unterschiedlichen Arbeiten nicht mehr als Kooperationsbeziehungen wahrgenommen werden, Kommunikation kaum noch stattfindet. Zudem machen es der permanente Umbau der Produktionsstrukturen, transnationale Verlagerungen, In- und Outsourcing sowie Dezentralisierungen schwierig, Kommunikationsverhältnisse zwischen den einzelnen Gruppen aufzubauen. Die Verunsicherung dringt zugleich bis in den Kern der noch sicheren Beschäftigung vor und wird besonders spürbar wenn reguläre Arbeitsplätze durch flexible Beschäftigung, etwa Leiharbeit, ersetzt wird – prekäre Arbeitskräfte werden dann als eigentliche Bedrohung wahrgenommen, Spaltungen zwischen Beschäftigten vertieft.

Neue Produktionsweise

Dahinter steht die Entwicklung einer neuen transnationalen Produktions- und Lebensweise und der Umbau von Arbeits- und Reproduktionsverhältnissen. Die neoliberale Ideologieproduktion ist dabei das organisierende Element einer dieser krisenhaften Transformation aller gesellschaftlichen Verhältnisse. Und der Neoliberalismus kann sich dabei trotz seiner antisozialen Politik auf aktive und passive Zustimmung stützen, weil er die Interessen untergeordneter Gruppen aufnimmt, ihre Ziele allerdings verrückt. Zentrale Forderungen der 68er-, der Frauen-, der Öko- wie der Arbeiterbewegung wurden in neoliberale Politiken integriert, aktive Zustimmung organisiert, das kritische Potenzial dieser Bewegungen absorbiert, und letztlich die Bewegungen damit selbst zersetzt. Eine Politik die diese Widersprüche nicht bearbeitet, bleibt stecken. – Drei Beispiele, wie der Neoliberalismus Interessen der Beherrschten integriert hat und zugleich Prekarisierung befördert:

›Humanisierung der Arbeit‹

Die Arbeiterbewegungen der 60er Jahre, die insbesondere in Italien und Frankreich, aber auch in der BRD sich zu Fabrikbesetzungen und wilden Streiks steigerten, richteten sich wesentlich gegen die immer weitergehende Vertiefung der Arbeitsteilung, Beschleunigung der Fließbänder und der daraus folgenden Monotonie und psycho-physischen Belastungen, die zu einem frühzeitigen Verschleiß der Arbeitskräfte und Dequalifizierung führten. Auch die Gewerkschaftspolitiken der 1970er Jahre setzten mit Unterstützung des Staates auf eine ›Humanisierung der Arbeit‹. Doch erst die kapitalistische Restrukturierung des Verhältnisses von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen macht der fordistischen Zurichtung zum ›dressierten Gorilla‹ ein Ende, setzt stärker auf die Produktionsintelligenz, das informelle Erfahrungswissen, die Kreativität und selbst die Emotionalität der unmittelbaren Produzenten. Die Einbindung des Wissens der Beschäftigten macht die Tätigkeiten generell interessanter und vielfältiger. Allerdings: Eingezwängt in fremdbestimmte, betriebliche kontrollierte Grenzen beschränkt sich die Autonomie auf einen engen Bereich des für die Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens Förderlichen. Damit sind Beschäftigte gezwungen Flexibilitäts- und Effizienzanschauungen, unternehmerisches Denken in ihre eigenen Denk- und Handlungsmuster zu internalisieren. Die Ausbeutung abhängiger Arbeitskraft durch das Kapital wird durch Delegation erweiterter und zugleich eingegrenzter Spielräume auf das tätige Subjekt in Richtung ›Selbstausbeutung‹ verschoben.

Wer dem Druck der Konkurrenz und der Anpassung in der Arbeitswelt nicht standhalten kann – der sich in den Alltag, in den Kreis von Familie und Bekannten, in die Freizeit, den Sport etc. fortsetzt –, hat die Möglichkeit sich über ein vielfältiges Angebot von Therapien wieder „fit“ machen zu lassen. Lohn und Freizeit werden zunehmend zugunsten der individuellen Leistungsfähigkeit, Beschäftigungsfähigkeit, kurz zugunsten der ökonomischen Verwertbarkeit verausgabt – immer mehr Zeit und Geld wird für Fitness, Wellness und nicht zuletzt Psychotherapie oder andere, mehr esoterische Angebote verwendet. Es herrscht geradezu ein konformistischer Druck ein Non-Konformist sein zu müssen – eine Art hochtechnologische alltägliche Lebensführung, die Selbstvermarktung und persönliche Performance nötig macht, um seine Position im Kampf um die wenigen Arbeitsplätze und soziale Anerkennung zu erhalten. Auffallen und kreativ sein, aber im Rahmen des Geforderten und allgemein akzeptierten bleiben, um den Job zu sichern oder ständig auf der Suche nach dem nächsten Job und wenn er nur Mini ist. Trotz Individualisierung und Arbeitsdruck, Stress und einseitiger Flexibilisierung stellen sich diese neuen Formen der Arbeit für große Teile der Beschäftigten nicht nur negativ als Verlust von Sicherheit oder gemeinsamer (Arbeiter)Identität dar, v.a. für die jüngeren Generationen entspricht dies einer Befreiung von jahrzehntelanger, immer gleicher, monotoner Arbeit und normierten Lebensweisen, hin zu einer Vielfältigkeit von Lebensstilen und der Ausbildung von patchwork-Identitäten. Insbesondere Hochausgebildete fühlen sich ihrem eigenen Selbstverständnis nach nicht länger als Angestellte oder gar Arbeiter, sondern vielmehr als eigenverantwortlich handelnde, unternehmerische denkende selbständige Individuen, die ihre Interessen selbst vertreten können. Nicht nur von den begehrten Spezialisten wird die damit verbundene Spannung zwischen persönlicher Autonomie und zunehmender Ungewissheit durchaus auch als Zugewinn erfahren. Erweiterte Autonomie, Requalifizierung, Kreativität und Abbau von Hierarchien, also die ›Humanisierung‹ der Arbeit, werden in die neoliberale Reorganisation und Flexibilisierung der Produktion integriert. Solange der häufige Wechsel der Position oder Stelle, auch zwischen Arbeitslosigkeit, Selbständigkeit, Beschäftigung subjektiv als Chancen wahrgenommen werden, als im-Spiel-bleiben, die Hoffnung erhalten wird, obwohl es sich in Regel nur um „mehrdeutige Seitwärtsbewegungen“ (Sennet) handelt, wird daran auch festgehalten. Eine Kritik, die sich dieser Widersprüchlichkeiten nicht annimmt, sondern nur die negativen Seiten betont, wird nicht wirkungsmächtig und reproduziert die Verhältnisse, indem sie Zusammenhänge auseinander legt und vereinseitigt.

›Befreiung‹ der Hausfrau und Zersetzung der Frauenbewegung

Einer der Kernpunkte der (zweiten) Frauenbewegung war die Kritik an der geschlechtlichen Arbeitsteilung, die Einzwängung der Frauen in partriachale Eheverhältnisse, in denen sie meist von (Vollzeit)Erwerbsarbeit ausgeschlossen und abhängig vom männlichen Familienernährer auf den Bereich des Privaten verwiesen wurde. Nun es war ausgerechnet der neoliberale Umbau von Arbeitsverhältnissen und Sozialstaat, der genau dies in ver-rückter Weise Realität werden ließ. Gegenüber paternalistischen staatlichen und familiären Verhältnissen des (westlichen) Fordismus überträgt der Markt die Verantwortung auf die Frauen selbst, verbunden mit dem Versprechen, dass die persönliche Tüchtigkeit und Leistungsbereitschaft potentiell zum Erfolg führen kann. Individuell ist dies nun tatsächlich möglich und wird durch medial überrepräsentierte Erfolgsfrauen von der Bundeskanzlerin und Familienministerin mit Vorzeigefamilie, über erfolgreiche Unternehmerinnen bis zu Fernsehmoderatorinnen und zupackenden Kommissarinnen vorgelebt (F.Haug 2005). Das macht den neoliberalen Umbau für viele Frauen zustimmungsfähig und führt gleichzeitig zur Zersetzung der Frauenbewegung. Kollektive Organisationsformen zur Durchsetzung ihrer Interessen werden auch von Frauen kaum noch anvisiert, meist als altmodisch und männerfeindlich empfunden. Die Konsequenz: Um ihre volle Arbeitskraft auf dem Markt anbieten zu können ist die dreifach freie Lohnarbeiterin erforderlich, d.h. im Anschluss an Marx nicht nur frei von Produktionsmitteln und frei ihre Arbeitskraft zu verkaufen, sondern auch frei von den notwendigen Reproduktionsarbeiten. Erfolgreiche Karriere-Frauen können sich von alten Familienformen emanzipieren, indem sie auf die billige, prekäre – häufig illegalisierte – Arbeitskraft von Migrantinnen für die häusliche Reproduktionsarbeit zurückgreifen. Ergebnis ist eine wachsende Kluft zwischen hoch und niedrig qualifizierter Arbeit – auch und gerade zwischen Frauen. V.a. im informellen Sektor entstehen neue Geschlechterdifferenzen und -hierarchien, die durch klassenspezifische sowie ethnische und nationale Zuschreibungen noch einmal gravierend verschärft werden.

Prekarisierung von ›unten‹

Selbst im Niedriglohnbereich ist Prekarisierung, entgegen der dominanten Wahrnehmung, die sich angesichts von Überausbeutung aufdrängt, mehr als die Neuauflage einer Verelendung. Diese Art der ›Flexploitation‹, der flexiblen Ausbeutung, beinhaltet Momente erweiterter Selbstorganisierung oder des Selbstmanagments. Es sind nicht nur die Hochqualifizierten, die das Ende des ›nine-to-five-Trotts‹ begrüßen. Die Menschen wissen, dass das alte Normalarbeitsverhältnis kaum zurück zu haben ist. Viele davon streben auch kein Normalarbeitsverhältnis mehr an, denn auch in den prekärsten Verhältnissen finden sich eben Momente erweiterter Selbstbestimmung und von Möglichkeiten andersartiger Lebensführung – meist allerdings verbunden mit vertiefter Unterwerfung. Die massive Ausweitung flexibilisierter, oft rekärer Teilzeit-Arbeitsverhältnisse ermöglichte für viele Frauen überhaupt erst die Teilhabe an der Lohnarbeit und ihrer Verbindung mit den notwendigen Reproduktionsarbeiten. Auch in der Existenzweise der Illegalisierten finden sich solche Widersprüche, was sich nicht zuletzt in dem von ihnen selbst geprägten Begriff der ›Autonomie der Migration‹ spiegelt. Trotz repressivster Maßnahmen gelingt es illegalisierten Migranten im Niedriglohnsektor Arbeit zu finden, die ihnen sonst verwehrt wäre. An diesen widersprüchlichen Durchsetzungsformen der neuen Verhältnisse wird deutlich, warum prekarisierte Verhältnisse auch von den ›Betroffenen‹ selbst reproduziert werden, warum der neoliberale Umbau so stabil ist.

Produktions- und Lebensverhältnisse

Kommen wir zu den Produktions- und Lebensverhältnissen und bleiben dabei zunächst bei den am stärksten unterworfenen Gruppen des Prekariats im Niedriglohnsektor. Mit Niedriglohn sind generell schlechte Arbeitsbedingungen und langfristige Dequalifizierung verbunden. Der hohe Druck auf die Beschäftigten, die Betonung der Arbeitspflichten bei Dethematisierung der sozialen und Arbeitsrechte sollen von vorneherein das Selbstwertgefühl der Arbeiterinnen treffen und potenziellen Wiederstand oder ›Aufmüpfigkeit‹ unterbinden. Trotz der niedrigen Entlohnung und mangelnder sozialer Anerkennung, stellt Barbara Ehrenreich (2001, 217) im Selbstversuch fest, dass ihre Kolleginnen im Grunde „stolz auf ihre Arbeit waren [...] Diese Menschen empfanden das Management als einen Faktor, der sie daran hindert, ordentliche Arbeit abzuliefern“ und stattdessen „Unterwürfigkeit“ verlangt. Ständig auf der Suche nach Fehlern, Arbeitszurückhaltung, Faulheit, Diebstahl, verbreiten die kleinen Unteroffiziere des Kapitals, häufig selbst nicht gerade üppig entlohnte Abteilungsleiter, eine Art Dauerspannung und ein Klima des gegenseitigen Misstrauens. Diese Art des Vorgehens ist keineswegs nur auf schlechtes Management zurückzuführen.

Außerhalb des Niedriglohnsektors ist die Flexibilisierung der Arbeit zwar auch mit erhöhtem Druck und Selbstausbeutung verbunden, aber auch mit relativem Autonomiegewinn (ausführlich Candeias 2003, 80ff). Neue Methoden des Personalmanagements beziehen Beschäftigte in die Organisation der Arbeit mit ein, verteilen Lob und Freundlichkeiten, bemühen sich um ›Fehlerfreundlichkeit‹, setzten Leistungslöhne als motivierenden Faktor ein etc. Solche Formen ›progressiver‹ Ausbeutung (vgl. Marx, MEW 23, 664f; 25, 272) lassen die Entwicklung der Arbeitenden immerhin zu, erzwingt sie zum Teil. In den Sphären des Niedriglohn erscheint dies oft wenig funktional. „Manager schrecken auch dann davor zurück“, den Arbeitenden einen größeren Handlungsspielraum und bessere Arbeitsbedingungen zu gewähren, „wenn dies vom Standpunkt eines reibungslosen Produktionsablaufes aus sinnvoll wäre“ (PAQ 1987, 22). Dies geht einher mit einer Verkennung bzw. Entnennung der durchaus qualifizierten Fertigkeiten und Leistungen der Beschäftigten. Deren Anerkennung würde die Zahlung der Niedrigstlöhne erschweren, das Selbstwertgefühl und die Ansprüche der Beschäftigten auf soziale Rechte erhöhen. Niedriglohn erfordert also, damit die Arbeitskräfte auch billig bleiben, in gewissem Sinne die kruden, autoritär-paternalistischen Ausbeutungsverhältnisse – oftmals auf Kosten der Produktivität.

Wie gesagt, deutlich über ein Drittel aller Beschäftigten arbeitet bereits zu Niedriglohnbedingungen, davon 7 Mio. als working poor. Es reicht in der Regel kaum für das Notwendigste. Schon für eine halbwegs akzeptable Wohnung muss größtenteils deutlich mehr als die Hälfte der Einkommen gezahlt werden. Die Wohnverhältnisse sind oft deprimierend und eng, lange Anfahrtswege zur Arbeit inklusive. An Luxusgüter, Auslandsurlaub oder vielfältige kulturelle Aktivitäten vom Essengehen, bis zum Konzert ist ohnehin meist nicht zu denken (deshalb auch gewinnt der Fernseher eine solche Bedeutung bei vielen). Die geringen Einkommen eröffnen in vielen Ländern keinen oder keinen ausreichenden Anspruch auf Lohnersatzleistungen. Der weitere Abbau sozialstaatlicher Leistungen in Richtung erhöhter ›Eigenverantwortung‹ und die Privatisierung ›öffentlicher Dienstleistungen‹ führen zu steigenden Kosten für die Betroffenen. Unmöglich wird die Bestreitung des Lebensunterhalts bei unvorhergesehenen Ausgaben bzw. Einnahmeausfällen vor allem bei Krankheit. Also sehen Niedriglohnarbeiter sich häufig gezwungen mehrere Jobs auszuüben, um über die Runden zu kommen. Die Kurzfristigkeit der Arbeitsverhältnisse erzwingt eine hohe Mobilität, die stabile soziale Kontakte erschwert und Familien- oder Zunkunftsplanung verunmöglicht. Lebenspraktisch ist es bei Kumulation unterschiedlicher prekärer Momente schwierig, aber möglich, so etwas vier Wochen, einige Monate, vielleicht wenige Jahre ohne schwere körperliche, gesundheitliche und psychische Folgen durchzuhalten, aber auf Dauer? (vgl. Ehrenreich 2001, 65)

Es stellt sich die Frage, warum diese am stärksten ausgebeuteten Arbeitskräfte die unaushaltbaren Zustände aushalten. Die Antwort scheint zunächst auf der Hand zu liegen: Die Jobs sind oft sehr anstrengend – überstrapazieren Körper und Psyche. Mehrere Jobs und zusätzliche Reproduktionsarbeiten laugen den Körper aus, berauben die Subjekte ihrer Energien. Der größte Teil der Lebenszeit ist davon geprägt, an die Beschaffung eines Jobs, an die Organisation der Zeit zu denken, daran, wie man mit dem Geld auskommen könnte, wo noch etwas zu sparen, wo noch etwas hinzuzuverdienen wäre etc. Diese Überausgebeuteten haben gar keine Zeit über ihre Situation nachzudenken. Um etwas anderes anzufangen fehlen einfach die Mittel, Kapital, formale Ausbildung, Zeit für die Suche, Kraft. Hinzu kommt der Mangel an Informationen, die Scham und das Stigma des Versagers. V.a. aber blockiert die Unsicherheit der Beschäftigungsverhältnisse und die Angst vor Entlassung eine widerständige Haltung. Mangelnde Erfahrung im Umgang mit den neuen Verhältnissen, sowohl auf Seiten der Beschäftigten selbst, wie auf Seiten der Gewerkschaften, führt zur Verunsicherung der bisherigen Handlungsfähigkeit.

Die Unorganisierbaren

Aus Sicht von Gewerkschaften fällt es schwer vereinzelte, befristet oder informell Beschäftigte, häufig Frauen oder Migranten, mit geringen Löhnen, häufig in Teilzeit, oder (Schein)Selbständige, alle mit deutlich anderen Interessen und Bedürfnissen als traditionelle Beschäftigte, zu organisieren. Flexibilisierung, In- und Outsourcing, hohe Fluktuation und häufige Arbeitsplatzwechsel erschweren stabile Kommunikations- geschweige denn Organisationsstrukturen. V.a. im Bereich des Niedriglohns gelten Beschäftigte als gesellschaftlich atomisiert, anom, resigniert oder desinteressiert – kurz: als nicht organisierbar. Robert Castel sieht eine Tendenz zum „Sich-Einrichten in der Prekarität“ (2000, 357f). Der Traum der Prekarisierten wäre es, ein Stammarbeiter zu werden, zu sein wie die anderen, freilich mit der schmerzlichen Ahnung, es nicht zu schaffen. Diese paradoxen Figuren „ständiger Zeitarbeiter“ (intérimaires permanent) entwickelten einen „Realismus der Hoffnungslosigkeit“, der Abschied nimmt von Versuchen zur Reintegration und zum passiven Sich-Abfinden, zu Resignation überführe (einschließlich sporadischer Gewaltausbrüche mit selbstzerstörerischen Merkmalen). Castel, wie viele andere, sieht die „Überzähligen“ als „nicht integriert und zweifelsohne auch nicht integrierbar“, da ihnen das Hauptmoment gesellschaftlicher Integration – eine positive Identität durch Arbeit – verloren gegangen sei (359). Sie sind für ihn keine sozialen Akteure, sondern „soziale Nicht-Kräfte“ (ebd.), deren Interessen nicht artikuliert werden.

Solche Beobachtungen sind sicher zum Teil zutreffend, beschreiben Phänomene sozialer Desintegration des alten fordistischen Modells der Arbeit, gelangen aber über alte verelendungstheoretische Positionen nicht hinaus. Vor allem aber reproduzieren sie den Blick auf die Betroffenen von ›oben‹, neigen zur tendenziellen Entsubjektivierung der Betroffenen als Handelnde in den Verhältnissen. Prekarität ist eben kein Schicksal, vielmehr ist Prekarisierung ein Prozess indem Subjekte aktiv handeln, der von ihnen mitgestaltet wird, immer. Auch das ›Sich-Einrichten‹ ist schon eine Form aktiver Subjektivierung und zeigt sich schon an den unterschiedlichsten Strategien, mit wachsender Unsicherheit und Geldnot umzugehen. Das Problem einer Perspektive die Prekarisierung als Prozess von ›oben‹ begreift, der quasi auf die Betroffenen niedergeht verfehlt die Selbsttätigkeit der Subjekte innerhalb gesellschaftlicher Strukturen, verfehlt, wie die einzelnen sich in die neuen Strukturen einbauen und dabei sich selber formen (F.Haug 1983). Nur so kann herausgefunden werden, wie die Einzelnen zur Reproduktion dieser Verhältnisse beitragen, wie aber auch aufbrechende Widerspruchskonstellationen immer neue Möglichkeiten für eingreifendes Handeln bieten, an denen sich widerständige Haltungen entzünden.

Subjektive Verarbeitung als Integration vom Standpunkt der Reproduktion

Neuere Untersuchung versuchen diese Lücke aufzuarbeiten und Prekarisierung nicht nur als Prozesse der Desintegration des Alten, sondern als Desintegrations/ Integrationsparadoxon zu begreifen. Anhand subjektiver Verarbeitungsformen wird gezeigt, wie die Einzelnen (über sog. sekundäre Integrationspotenziale) sich eben selbst in die prekären Verhältnisse einbauen. Subjektivität wird hier jedoch (mit bourdieuschen Anleihen) nur vom Standpunkt der Reproduktion der Gesellschaft betrachtet. Das Problem dabei ist, dass den Subjekten zwar Eigenaktivität zugestanden wird, jedoch die Kompetenz oder Fähigkeit die Verhältnisse zu verändern abgesprochen wird. Dies bestätigt sich in starken Betonung auf Stellvertreterpolitik, Staatsfixierung, Appelle an aufgeklärte Eliten etc.

Aber es ist einiges dran an solchen Analysen. Ich habe bereits angedeutet, das viele prekäre Arbeitsverhältnisse immer noch als Sprungbrett in die Normalbeschäftigung betrachten und auf eine Art Klebeeffekt hoffen, wenn sie oder er seine Fähigkeiten unter Beweis stellen konnte (v.a. für Berufsanfänger, Praktikanten, Zeit- und Leiharbeiter, z.T. auch 1-€-Jobber gilt das). Gegenüber diesem Traum selbst Stammarbeiter zu werden, fest angestellt, verblassen scheinbar für viele von ihnen die Qualität der Arbeit, der Kampf um Arbeitszeitverkürzung, Lohnsteigerungen, für gewerkschaftliche Organisierung sowieso. Sie befinden sich in einer Art Schwebe – sie haben „den Anschluss an die vermeintliche Normalität noch immer vor Augen und müssen alle Energien mobilisieren, um den Sprung vielleicht doch noch zu schaffen. Andererseits sind permanente Anstrengungen auch nötig, um einen dauerhaften sozialen Abstieg zu vermeiden. Wer in seinen Anstrengungen nachlässt, dem droht der Absturz. Die „modernern Prekarier“ haben daher „keine Reserven, kein Ruhekissen“ (Dörre 2005, 254). Dies wirkt disziplinierend auf ihr Handeln, macht sie gefügig. - Allerdings wird der Traum nur ausnahmsweise war: die Übernahme in reguläre Beschäftigung ist selten, die Verweildauer der Leiharbeiter z.B. ist von durchschnittlich 8 auf 4,7 Monate gesunken (von 1995 bis 2005).

Gut ausgebildete Facharbeiter, oft auch Migranten, die sich ganz gut von einer befristeten Beschäftigung in die nächste hangeln, dazwischen kurze Phasen der Arbeitslosigkeit als normal empfinden, können sich zum Teil ganz gut in den Verhältnissen einrichten, sichern sich einen bescheidenen Wohlstand, sofern Krankheit, Ausweisung oder anderes die Flexi-Karriere nicht abreißen lassen. Viele gehen dabei über die Grenzen der psycho-physischen Belastbarkeit hinaus – burn out-Syndrom, Depressionen und Herz-Kreislauferkrankungen sind weit verbreitete Phänomene – die Krankenkassen befassen sich schon seit längerem damit und versuchen die Folgen fürs Gesundheitssystem abzuschätzen. Diese Figuren ständig mobiler Zeitarbeiter entwickelten einen „Realismus der Hoffnungslosigkeit“, der Abschied nimmt von Versuchen zur Reintegration und zum passiven Sich-Abfinden, zu Resignation überführt (insbesondere wenn soziale Kontakte abbrechen). Dann setzen die Selbstzweifel ein: ›War ich nicht gut genug? Habe ich mich nicht genug eingesetzt oder die Klappe zu weit aufgerissen?‹. Damit erleben wir auch eine Erziehung zur Anpassung und Duldung der beschädigenden Verhältnisse.

Viele Frauen, ohnehin am Arbeitsmarkt benachteiligt, die angesichts der ungelösten Probleme der sog. Vereinbarung von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit, akzeptieren ebenfalls scheinbar vorbehaltlos eine Rolle als Zuverdienerinnen und fügen sich in prekäre Teilzeitexistenzen. Auch eine wachsende Zahl von Jugendlichen und jungen Erwachsene, die sich von der Perspektive formaler Erwerbsarbeit verabschiedet haben und eine Existenzweise in der informellen Schattenökonomie entwickeln, reproduziert auf diese Weise Prekarität quasi von ›unten‹. Stabilisiert werden diese Gruppen durch Konstruktion von ethnischen, geschlechtlichen, religiösen u.a. Gemeinschaften oder durch Cliquen, in denen sie Rückhalt und gesellschaftliche Anerkennung jenseits der Mehrheits-Arbeitsgesellschaft erfahren.

Stammarbeiter und Gewerkschaften

Die Prekarisierung beschränkt sich allerdings nicht auf diese Gruppen, sondern überträgt sich auf den Kern der Arbeitsgesellschaft. Die Schwierigkeiten damit umzugehen, führen zunächst zur defensiven Verteidigung der alten Besitzstände der relativ gesicherten und gutbezahlten Kernbelegschaften von Facharbeitern. Es bildet sich mitunter ein spezifisches Interesse heraus, den Status der Beschäftigten gegen Unwägbarkeiten der Konjunktur zu sichern indem das Arbeitsaufkommen flexibel über befristet Beschäftigte oder Leiharbeit gesteuert wird. Die „atmende Fabrik“ (Hartz) sichert den Bestand einer Stammbelegschaft. Das Vordringen von Leiharbeit oder befristeter Beschäftigung in die Betriebe setzt beide Gruppen wiederum „in direkte Konkurrenz zueinander“ (Castel 2000, 355).

Um keine ›gewerkschaftsfreien Räume‹ entstehen zu lassen, haben Gewerkschaften den Status vermeintlich geringqualifizierter Arbeit gekoppelt an eine Einordnung in die unterste Lohngruppe bei Tarifverträgen. Gewerkschaftliche Aufwertungskampagnen und Forderungen nach Abschaffung dieser Lohngruppe blieben weitgehend erfolglos. Sie waren gegen die Unternehmen aber auch innerhalb der Gewerkschaften nicht durchzusetzen – letztere versuchten einen „gewissen Lohnabstand“ der Geringqualifizierten gegenüber Facharbeitern, aber auch von Frauen gegenüber Männern zu wahren (Mayer-Ajuha 2003, 164). Selbst diese geringe Entlohnung wurde noch unterlaufen, indem geringfügige Beschäftigung „ausdrücklich vom Geltungsbereich der Tarifverträge ausgeschlossen“ wurde. Damit ebneten die Tarifvertragsparteien selbst der Prekarisierung den Weg. Über den Abschluss eines Tarifvertrages für die Leiharbeitsbranche hat der DGB versucht Diskontinuität und Prekarisierung lebbar zu gestalten und nach unten abzusichern. Tatsächlich haben sie damit Dumpinglöhne und Entrechtung von Prekären noch tariflich festgeschrieben und mit gewerkschaftlichem Segen versehen. Auch wie z.B. bei Daimler die Forderung nach Einsparung von 500.000 € beantwortet wurde, verstärkt Prekarisierungs- und Spaltungsprozesse: die geltenden Tarifverträge konnten (mit leichten Veränderungen) nur gehalten werden, indem massive Verschlechterung bei den Beschäftigten im Dienstleistungsbereich akzeptiert wurde, also bei Kantinen- und Reinigungspersonal, wie beim Servicepersonal – diese Bereiche wurden ausgelagert oder es gab Lohnkürzungen und längere Arbeitzeiten für diejenigen, die ohnehin nicht so gut dran waren. Leider findet sich diese Praxis öfter.

Aber auch die Verhältnisse der unbefristet Festangestellten sind selbst unsicher geworden. Die permanenten Angriffe von Kapitalseite, selbst in den Hochburgen gewerkschaftlicher Organisierung, den Großunternehmen der Automobilindustrie, haben quasi allen Arbeitsverhältnissen nur noch temporäre Gültigkeit verliehen, die mühsam ausgehandelten Beschäftigungsgarantien, meist gegen Lohnverzicht und längere Arbeitszeiten, gelten maximal zwei Jahre, d.h. soweit sich die Lage des Unternehmens nicht verändert haben sollte. Oft haben diese Beschäftigungsgarantien nur ein paar Monate Bestand (Hauer 2004; Candeias/Röttger 2005). Was heisst dann noch sichere Beschäftigung? Daher spiegelt Prekarisierung eine Kultur allgemeiner Unsicherheit.

Lange Zeit gelang es und gelingt es z.T. noch immer über wettbewerbskorporatistische Bündnisse auf unterschiedlichsten Ebenen die konsensuale Unterwerfung unter angebotspolitische Standortinteressen zu gewährleisten. Diese sehr ungleichen Kompromisse bringen kollektive Interessenvertretung in Übereinstimmung mit den betrieblichen Erfordernissen einer ständig verbesserten Konkurrenzfähigkeit und verteidigen gleichzeitig die Position etablierter Lohnabhängigenkerne in den Zentren – zu Lasten der Prekarisierten und Arbeitslosen in den inneren und äußeren Peripherien. Diese spezifische Form der betrieblichen Bündnisse trägt also nicht zur Solidarisierung bei, als vielmehr zur Entsolidarisierung, zu verstärkter Konkurrenz innerhalb der Belegschaften und zur Individualisierung bei, ohne der Tendenz zur Prekarisierung wirksam begegnen zu können.

Waren prekäre Randbelegschaften zunächst erwünschter Flexibilisierungspuffer, schleicht sich ein diffuses Gefühl der Ersetzbarkeit ein, da sich die Externen in kurzer Zeit als mindestens ebenso leistungsfähig, flexibler, meist gefügiger und v.a. billiger erweisen. Ihre Präsenz wirkt disziplinierend (Dörre 2005, 254). In den Bereichen mit hoch qualifizierten Angestellten produzieren Freelancer einen ähnlichen Effekt. Vor diesem Hintergrund werden unbefristete Vollerwerbs-arbeitsplätzen als vermeintlich verteidigenswertes Privileg verständlich. Mit voller Wucht trifft die Angst jene, die konkret vom Abstieg bedroht sind. Es dominiert die Sorge, um den Erhalt des Arbeitsplatzes, so „widerwärtig er auch sein mag“ (Bourdieu 2000, 72). Progressive Arbeitspolitiken, Arbeitzeitgestaltung, Vereinbarkeit von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit geraten in die Defensive, gehören nicht länger zu den vordringlichen Interesse der Beschäftigten (nicht einmal bei Frauen).

Reaktiver Nationalismus

Schlimmer noch, bei vielen wirken defensive Formen der Konstruktion identitärer Selbstkohärenz. Daraus erwachsen zum Teil ein „reaktiver Nationalismus“ (Dörre 2004) und Rassismus. Aus dem Versuch, Selbststabilisierung zu erreichen, wird der Anschluss an imaginäre Gemeinschaften gesucht (Flecker/Hentges 2004, 103). Ethnische oder nationale Konstruktionen eignen sich als ideologische Gedankenform, „mit deren Hilfe Konkurrenzerfahrungen subjektiv bewältigt werden können“ (109). Schließlich sind prekäre oft Mirganten und auch die Furcht vor den Praktiken oder der Übernahme durch ausländischer Kapitale bestätigt das Gefühl der äußeren Bedrohung. Verletzte Gerechtigkeitsgefühle und der Appell an die ›Tüchtigen und Fleißigen‹ gehen auf die >Erfahrung oder Befürchtung< zurück, dass sie >trotz harter Arbeit und vielfältiger Opfer ihren bisherigen Lebensstandard und sozialen Status nicht halten oder die angestrebten Ziele< nicht erreichen können (139). Der implizite gesellschaftliche Vertrag – harte Arbeit gegen gesellschaftliche Absicherung und Anerkennung – wurde einseitig aufgelöst. Das führt zu Enttäuschungen und Aggressionen, die auf Gruppen gerichtet werden, die die Zumutungen anscheinend umgehen und trotzdem gut leben - etwa Flüchtlinge oder Sozialhilfeempfänger. Diese Begründungsfiguren sind gerade nicht beschränkt auf „Modernisierungsverlierer“, sondern finden sich auch und v.a. bei jenen, die sich vom Abstieg bedroht fühlen, und jenen die ihre sozioökonomische Position halten oder verbessern konnten, „aber mit erhöhter Arbeitslast, ausufernden Arbeitszeiten und hohen Anforderungen an Flexibilität konfrontiert sind“ (140). Solche Ängste, Unsicherheiten und Ohnmachterfahrungen werden von rechts aufgegriffen, indem sie die Bevölkerung als passives Opfer übermächtiger Gegenspieler ansprechen; ähnlich bei der nostalgischen Anrufung der vermeintlich guten alten Zeiten und der Glorifizierung traditioneller Gemeinschaften. Hier greift die rechtspopulistisch doppelte Abgrenzung „des Volkes“ von Eliten oben und Ausgestoßenen unten (2003, 132), artikuliert als „Protest gegen soziale Ungerechtigkeiten“ und 2gegen den Druck der politischen Korrektheit“ (2004, 146) - allerdings eine konformistische Rebellion, weil sie durchaus im Einklang mit vielen neoliberalen Prinzipien steht. Solange jedenfalls von links kein überzeugendes Projekt entwickelt wird, ist diese Artikulation von verallgemeinerter gesellschaftlicher Unsicherheit eine ernst zu nehmende, oft vernachlässigte Gefahr.

Die damit verbundenen Spaltungen und Disziplinierungen wirken bislang als neuer Modus der Integration eines autoritären Neoliberalismus, dem es auf diesem Wege angesichts der schwindender Zustimmung, Legitimations- und Repräsentationskrise bislang gelingt seine Hegemonie zu sichern. Die Prekarisierung der Arbeit, so Dörre, wird zur Produktion „gefügiger Arbeiter“ genutzt (2005, 255). Gleichzeitig entstehe ein Subproletariat, „dessen gesamte Energien darauf gerichtet sind, über den nächsten Tag zu kommen“ und beständig schwankt „zwischen spontanen, ungerichteten Revolten und Apathie“. Das ist treffend beschrieben, aber eben nur die halbe Wahrheit. Unbeleuchtet bleiben Widersprüche der Prekarisierung, die auch in der anderen Richtung – nach links, also widerständig, bearbeitet werden können.

Verallgemeinerung von Erfahrung

Denn auch unter den Prekarisierten (oder gerade unter ihnen?) regt sich Widerstand. Ken Loach zeigt in seinem Film Brot und Rosen (2000), exemplarisch den Streik der Putzfrauen und anderer Niedriglöhner und seine Folgen für die auf ihre Arbeit angewiesenen Banken und Unternehmen in Los Angeles. Immer wieder gelingt es vermeintlich apathischen Gruppen, wie illegalisieren migrantischen Landarbeitern oder Bauarbeitern, Reinigungskräften oder Teilzeitverkäuferinnen, auch transnationalen Konzernen beachtliche Konzessionen abzuringen. Die Organisationsformen sind vielfältig: living wage oder Mindestlohn-Initiativen in den USA, die grenzüberschreitenden Euromärsche gegen Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigung oder die no-sweat-campaigns; aufkeimende Formen eines social movement unionism in Italien, Frankreich, den USA oder Südkorea (ETU-MB); die vielen ›Anti-Hartz-Bündnisse‹, Arbeitsloseninitiativen oder ›Call-Center-Initiativen‹ in Deutschland sowie grenzüberschreitende Netzwerke von Hausarbeiterinnen und Migranten wie respect, mujeres sin rostro, die Sans-Papiers, Künstlerinitiativen und autonome Forschungsgruppen von Frauen wie die Precarias a la deriva etc.pp.

Solche Erfahrungen gilt es sichtbar zu machen und systematisch auszuwerten. Sie sprechen gegen die Vorstellung einer „radikal individualisierten Erwerbs-gesellschaft“, wie sie sich Neoliberale vorstellen, in der „gleichsam jeder zum Unternehmer seiner eigenen Arbeitskraft wird“ und „(Klassen)Solidaritäten eher hinderlich“ sind (Bonß 2000, 378). Eine polarisierte neoliberale Ökonomie erzeugt vielmehr neue Klassenspaltungen, die in vielfältiger Weise gebrochen werden und sich mit anderen gesellschaftlichen Spaltungslinien entlang von Nationalitäten, Ethnien, Geschlecht etc. überlagern. „Bilder einer klassenlosen Gesellschaft“, so Richard Sennet, können also „auch dazu dienen, tiefere Unterschiede zu verhüllen“ (2000, 97) und neue Formen gemeinschaftlicher Reorganisation und gesellschaftlicher Solidarität nicht sichtbar werden zu lassen. Denn trotz aller Spaltungen bieten sich mehr Berührungspunkte als zum Teil angenommen.

Bedingungen des Widerstandes

Aber woran entzünden sich solche widerständigen Prozesse der Selbstorganisation? Setzen wir also am Alltag an, genauer am Arbeitsalltag. Nicht-Übereinstimmungen zwischen den tatsächlichen Arbeitsanforderungen, also den eigentlich erforderlichen Arbeitstätigkeiten und eingeschränkten Möglichkeiten ihrer Verwirklichung durch Vorgaben des Managements (also wenn man so will zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen) produzieren Spannungsräume, die entscheidend sind für eine ganze Reihe von Integrations-/Desintegrationsmomenten. Denn jenseits der formalen Kriterien von Einkommen und Beschäftigungssicherheit geht in den konkreten Arbeitsbedingungen um Sinnhaftigkeit der Arbeit, Selbstwertgefühl, Produktivität, Aneignung von Qualifikationen etc. Dies gilt z.B. für die notwendige intensive Beratung von Kunden im Fachhandel, die sich häufig genug angesichts mangelnden Personals auf ein Minimum beschränkt, was wiederum zu sinkenden Umsätzen, abnehmender Arbeitszufriedenheit und Motivation, weiteren Einsparung und zunehmenden Druck auf die Beschäftigten führt. Ähnliches gilt für emotionale Betreuungsleistungen im Pflegebereich, die zugunsten der bei den Krankenkassen abrechenbaren formalen Leistungen eingeschränkt werden. Auch im Call Center Bereich wird die Erbringung sog. ›guter Arbeit‹ systematisch durch die Produktionsverhältnisse behindert: Der Zeittakt zwischen den Anrufen beträgt oft 20 Sekunden, der Computer sorgt für die Dauerauslastung der Beschäftigten mit ca. 200 Telefonaten – eine nicht nur höfliche, sondern auch kompetente Beratung der Anrufer ist dann nur noch schwer möglich, die Unzufriedenheit der Kunden wächst.

Dies verletzt bei den Beschäftigten den durchaus vorhandenen Gebrauchswertstolz auf ihre Arbeit. Der gerade im Dienstleistungsbereich notwendige affektive Aspekt wird untergraben, die Leistung qualitativ hochwertiger Arbeit erschwert – die Folge sind Stress, Dequalifikation und eben niedrige Löhne, begründet durch das von den Unternehmen selbst produzierte niedrige Leistungsniveau. Gerade auch an solchen Widersprüchen entzünden sich widerständige Haltungen. Und zugleich ist dies ein verallgemeinerbares Problem, das der Softwareprogrammiererin ebenso bekannt ist wie dem Putzmann: etwa der Wunsch ein hervorragend programmiertes Produkt mit hohem Gebrauchswert zu produzieren, dies aber unter extrem hohen Zeit- und Kostendruck nicht zu können und gezwungen zu sein, mit Fehlern behaftete Software an die Kunden weiterzugeben, zugleich die Fehler zu kaschieren, und/oder die Anerkennung eigener Leistung versagt zu bekommen – immer unter der Bedrohung, dass ein Jüngerer bereits wartet, der vielleicht entsprechende Leistungen schneller erbringt. Auch Putzmann oder- frau wollen nicht als Opfer oder Leidende gesellschaftliche Anerkennung erfahren, sondern als nützliche Arbeitskräfte. Tatsächlich wird entnannt, dass gerade im gewerblichen Bereich putzen den Umgang mit komplizierten Maschinen und gefährlichen Chemikalien etc. verlangt, eine Menge Tricks und Kniffe mit einschließt (besonders im OP eines Krankenhauses z.B.); gleichzeitig verhindern extremer zeitlicher Druck und Arbeitsverdichtung, dass die Objekte entsprechend der Vorgaben und des eigenen Anspruchs gereinigt werden können.

Hinzu kommen aber auch zunehmende Schwierigkeiten eine zeitliche entgrenzte und flexible Lohnarbeit, die gerade im Dienstleistungsbereich auch häufig außer-halb der üblichen Kernarbeitszeiten liegt, mit den notwendigen Reproduktions-arbeiten im Haushalt und in der Kindererziehung zu vereinbaren. Auch die wachsende Schwierigkeit von den erarbeiten Lohneinkünften ein Leben oberhalb der Armutsgrenze zu bestreiten stellt die gesellschaftlichen Individuen vor Zerreiß-proben. An all diesen Bruchpunkten spezifisch gesellschaftlicher Arbeitsteilungen müssen individuelle Strategien der Lebensführung und der Bewältigung von Widersprüchen ebenso ansetzen, wie Versuche zur Organisation von Widerstand.

Das Problem dabei ist, dass die alten Organisations- und Repräsentationsstrukturen noch auf einer – inzwischen unterminierten – sozialen Basis entwickelt wurden, die transnational neu zusammengesetzten Gruppen und Klassen des Prekariats aber noch keine eigenen, stabilen Strukturen entwickeln konnten. Schließlich kann es wie gesagt nicht einfach um die Wiederherstellung des alten Normalarbeitsverhältnisses gehen. Auf dieser Basis wären weder die Spaltung zwischen Beschäftigten, Prekären und Beschäftigungslosen, noch der Widerspruch zwischen Erwerbs- und Reproduktionsarbeit, zwischen Männern und Frauen, ›Inländern‹ und Migranten zu überwinden.

Precariat in motion

Das ›Prekariat‹ in seinem doppelten Sinne als universelle gesellschaftliche Figur der neuen Produktions- und Lebensweise und als Klassenfraktion im Werden, mit heterogener Positionierung in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung entlang geschlechtlicher, nationaler oder ethnischer Zuschreibungen findet keine Repräsentanz in den traditierten politischen Institutionen. Nur wenn diese diversen Fragmentierungen ernst genommen werden, ist zu einem tieferen Verständnis einer widersprüchlichen – nennen wir sie – ›Multitude‹ vorzudringen, die als kohärenter gesellschaftlicher Block sozialer Kräfte ausgearbeitet werden muss, um eine radikale gesellschaftliche Transformation anzustoßen.1 Um als gesellschaftliche Gruppe mit eigenen Interessen wahrgenommen zu werden ist ein Bruch mit den geltenden Spielregeln korporatistischer Aushandlungsprozesse und politischer Repräsentation wahrscheinlich erfolgreicher. Ein “strategischer Essentialismus” (Spivak 1988, 314) kann dabei eine wichtige Rolle spielen: gegenüber den geläufigen Kategorien ›atypischer Beschäftigung‹, die Menschen als statistisches Zahlenmaterial behandeln oder immer weiterer Ausdiffernzierung von Betroffenengruppen, eröffnet eine offensive Umdeutung (Butler 1993, 47) als Prekariat größere Möglichkeiten um ins öffentliche Bewußtsein zu rücken und einen Prozess der Klassenformierung zu initieren – im Sinne von: “nicht wir sind die ›Abhängigen‹, sondern ihr; wenn wir euch die Büros und Badezimmmer nicht säubern, eure verzogenen Kinder nicht betreuen und auch sonst allerhand andere angenehme Dienstleistungen bieten würden, wäre eurer Lebensstil unmöglich und die Gesellschaft als Ganze kaum lebensfähig”. Die Betonung der hohen Gebrauchswerts betreffender Arbeiten zielt direkt auf die Qualität der Dienstleistungen und damit auf die Produktionsverhältnisse und Lebensbedingungen der Arbeitskräfte. Auch Nicht-Prekarisierte dürften wenig Interesse daran haben, wenn der pflegebedürftige Opa von dafür nicht qualifizierten und wenig motivierten 1-Euro-Jobbern betreut wird. Die Umdeutung muss dabei als Eigenaktivität im politischen Prozess der Verallgemeinerung der unterschiedlichen Erfahrungen und wissenschaftlichen Verknüpfung gesellschaftlicher Ursachen erfolgen, sonst wird damit nur eine kohärente Gruppe mit vereinheitlichten Interessen suggeriert, die es so gar nicht gibt.

Eine weitere Möglichkeit gesellschaftliche Widersprüche als allgemeine zu begreifen und darzustellen ist das Problem der Vereinbarkeit von Produktions- und Reproduktionsarbeit (ohnehin eine problematische Trennung, die nur auf der Inwertsetzung der einen und Außerwertsetzung der anderen beruht) – gemeint sind nicht ›nur‹ Erziehung oder Haushalt, sondern auch die Reproduktion der eigenen individuellen Arbeitskraft, die angesichts von burn-out-Syndromen und psychischen Erkrankungen ein wesentliches Element von Prekarisierung darstellen. Überbeanspruchung der Arbeitskraft und immer drohender Verlust von Arbeit verallgemeinert auch das Problem der Absicherung diskontinuierlicher Lebensläufe. Solche Thematisierungsweisen zielen auf die Neuauflage einer Debatte über gesellschaftlich notwendige Arbeit und lenken den Blick auch auf die Sphäre der Reproduktionsarbeit: auf Familienverhältnisse, Arbeit im Haushalt, Kindererziehung, Sorge und Pflege, aber auch auf soziale, ökologische kulturelle und politische Arbeit. Letztlich geht es um die Neuverteilung (und Dekommodifizierung) aller gesellschaftlich notwendigen Arbeit für alle und die transnationale Verallgemeinerung sozialer Rechte.

Entschiedend ist dabei mit dem Widerspruch von Verallgemeinerung (nicht Vereinheitlichung) und Differenz produktiv umzugehen und trotz aller Unterschiedlichkeit von Lagen und Bedürfnissen an einer Perspektive verallgemeinerter Handlungsfähigkeit festzuhalten, die die Differenzen nicht unterwirft. Ohne diese Perspektive bleiben die Kämpfe partikulären Interessen verpflichtet, unverbunden und daher subaltern, leicht integrierbar oder marginalisierbar.

Verallgemeinerungsfähigkeit heißt natürlich nicht, dass es sich bei diesen Punkten um Selbstläufer handelt – es bedarf des aktiven spezifischen Herausarbeitens solcher Perspektiven an den verschiedenen Orten politischen Einsatzes. Das erfordert keine vermeintliche Vereinheitlichung in einer bestimmten Organisation als vielmehr neuartige Vermittlungen zwischen diversifizierten Bewegungen, Organisationen und ihren jeweiligen politischen Formen. Die schlichte Integration eines noch nicht konstituierten Prekariats in etablierte Institutionen ist wahrscheinlich kein günstiger Weg, auf ihre Unterstützung kann dennoch nicht verzichtet werden – aber das kann hier jetzt nicht im Einzelnen durch gegangen werden. Die politische Verallgemeinerung ist umso schwieriger, da die unterschiedlichen (häufig noch zu entwickelnden) Handlungs- bzw. Organisations-formen sich z.T. ausschließen, aber nichtsdestoweniger unverzichtbar sind. Um die Bewegung nicht zu spalten oder in ein unverbundenes Nebeneinander zerfallen zu lassen, wird nötig was Brecht nannte: „Operieren können mit Antinomien“.

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1 Mit Marx ginge es um die Rekonstruktion des Proletariat, wie es im Manifest beschrieben wird – aber nun auf Basis der neoliberalen, transnationalisierten Produktions- und Lebensweise: Das Proletariat „rekrutiert sich aus allen Klassen der Bevölkerung” (MEW 4, 469), ein diffuses Milieu freigesetzter, überflüssiger Menschen ohne Eigentum, außer an ihrer eigenen Arbeitskraft.

Zuletzt aktualisiert am Samstag, 09. Januar 2010 um 10:44 Uhr